Sigmund Freud und Sándor Ferenczi wechselten fast 1500 Briefe. Die Korrespondenz beginnt im Januar 1908 und endet im Mai 1933 mit einer Karte zu Freuds siebenundsiebzigstem Geburtstag. Kurz darauf stirbt der jüngere Ferenczi. Freud schreibt im Nachruf auf den langjährigen Freund, es gehe ihm eben wie dem "Sultan", dem die Weisen ein hohes Alter prophezeit, damit aber auch das Unglück vorhergesagt hatten, er werde alle seine Weggefährten überleben. Freud knüpft mit diesem Gleichnis an einen Brief an, in dem er den mehrfachen Reisebegleiter Ferenczi, der zwischen 1914 und 1916 auch sein Analysand war, ironisch als "Paladin und geheimen Großwesir" der Psychoanalyse tituliert hatte.

Dieser für Freuds private Mitteilungen typischen Art von Witz begegnet Ferenczi mit dem Ernst des Mannes, der noch immer einen Vater sucht. Freud übernimmt die ihm zugedachte Rolle und schreibt humorvoll an den "Lieben Sohn", von dem er sich für diesmal "Mit väterlichem Gruß" verabschiedet. Doch hinter Ferenczis zäher Idealisierung steckt auch einige unterdrückte Aggression. Die offenbart das Unbewusste, das ihm in einem der Briefe an den "Lieben Herrn Professor" die Worte diktiert: "Die Regierungsgewalt in die Hände eitler, eigendünklender Professoren zu legen wäre der schrecklichste der Schrecken."

Um das Erschrecken vor der Wirklichkeit wenigstens etwas zu mildern, versucht Freud auf einer gemeinsamen Italien-Reise Ferenczis Augen zu öffnen: "So war ich zumeist wahrscheinlich ein ganz gewöhnlicher älterer Herr, und Sie haben erstaunt den Abstand von Ihrem Phantasieideal ermessen. Andererseits hätte ich gewünscht, daß Sie sich aus der infantilen Rolle reißen, als gleichberechtigter Kumpan neben mich hinstellen, was Ihnen nicht gelang (…)." Ferenczi reagiert darauf gelassen – und doch pikiert. Er teilt Freud die Einsicht des gelehrigen Analysanden mit: "Ich merkte, daß Sie meine Zuneigung zu Ihnen als Übertragung auslegten. (…) Die Reaktion auf diesen Eindruck war der Entschluß, mich unabhängig zu machen."

Der gesamte Briefwechsel, der mit Erscheinen des letzten Teilbandes jetzt geschlossen vorliegt, ist ein einzigartiges Zeugnis dieses Unabhängigkeitskampfes, in dem sich ein Drama abbildet, das allen Menschen bekannt ist. Im Falle Ferenczis endet der Versuch, sich aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu befreien, mit der 1933 erschienenen Schrift Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind (Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft). Darin werden die psychodynamischen Ursachen des Zwangs zur Idealisierung wie die Bedingungen geklärt, unter denen auf den infantilen Wunsch nach ewigen Eltern(figuren) zu verzichten wäre. Dass die vernünftige Einsicht in die Notwendigkeit dieses Verzichts möglich ist, der in den tiefsten seelischen Schichten dennoch unmöglich zu leisten ist – auf dieses Paradox machte Freud dann 1937 in der Schrift Die endliche und die unendliche Analyse aufmerksam, die auch als eine (verdeckte) Antwort auf Ferenczi zu lesen wäre.

Das Küssen als fragwürdige Therapie

Das wäre aber auch eine passende Überschrift für die Korrespondenz der beiden Männer, die ein Vierteljahrhundert überdauert, das von der Donaumonarchie über den Ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Regierungsantritt reicht. Und dennoch ist in den Briefen von den äußeren Ereignissen, die in der "Weltenfirma ›Fatum & Ananke‹" (Freud an Ferenczi im Januar 1910) geschehen, kaum die Rede, es sei denn, sie beziehen sich auf die Organisation der psychoanalytischen "Bewegung". Auch diesbezüglich sind Paradoxien vorgezeichnet. Und so begleitet Ferenczi die von ihm 1910 vorgeschlagene Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung mit den Worten: "Ich kenne die Auswüchse des Vereinslebens und weiß, daß in den meisten politischen, geselligen und wissenschaftlichen Vereinen infantiler Größenwahn, Eitelkeit, Anbetung leerer Formalitäten, blinder Gehorsam oder persönlicher Egoismus herrschen anstatt ruhiger, ehrlicher Arbeit für das Gesamtinteresse."

Hundert Jahre später gibt André Haynal im Vorwort zum letzten Band des Briefwechsels Ferenczi mit diesen Worten Recht: "Die psychoanalytische Gemeinschaft hat sich oft sehr schwer damit getan, ihrer eigenen Geschichte ins Gesicht zu sehen. Stattdessen hat sie es vorgezogen, in vorauseilendem Gehorsam und in trügerischer Sicherheit übertriebener Idealisierung, sich der Beiträge eigenständiger Denker – Ferenczis darunter – zu entledigen."

Das lag aber auch daran, dass sich Ferenczi am Ende seines Lebens als Therapeut von Patientinnen umarmen und auch küssen ließ. Diese "aktive Technik" weckte Erinnerungen, die besser vergessen bleiben sollten. "Es gibt keinen Revolutionär, der nicht von einem noch Radikaleren aus dem Feld geschlagen würde. (…) Warum also beim Küssen stehen bleiben?", schrieb Freud Ende 1931 erbost an Ferenczi. Offenbar erinnerte er sich an einen frühen Anhänger, der – lange vor Ferenczi – die "mutuelle Analyse" praktiziert und nicht nur die "Kusstechnik", sondern auch den Beischlaf als therapeutisches Medium entdeckt hatte, an Otto Groß also.