Die Zukunft heißt Djamila

Jetzt, im Frieden, muss Afghanistan um Aufmerksamkeit buhlen. Roger Willemsen über den harten Alltag in Kabul

Es war einmal – oder nicht?« So beginnen die Märchen Afghanistans. Es war einmal diese legendäre Stadt Kabul, in der der »Hippie-Trail« endete und die Kiffer aus aller Welt Haschisch rauchten, »das Kraut der Armen«. Eine Bohème entstand, die Frauen trugen Miniröcke, und die uralte Kultur zeigte sich durchlässig für die jüngste: A für Afghanistan traf auf A für Anarchie.

»Erblickt der Reisende, von Süden kommend, Kabul«, schrieb Nicolas Bouvier, »seinen Pappelgürtel, seine malvenfarbenen Berge, auf denen eine dünne Schneeschicht dampft, und die Papierdrachen, die im Herbsthimmel über dem Basar flattern, ist er davon überzeugt, am Ende der Welt angekommen zu sein. Doch er hat im Gegenteil deren Zentrum erreicht.« Oder nicht?

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»Ariana, die never come back- Linie?«, hatte die Dame am Schalter gesagt. »Mit der würde ich ja nicht fliegen.« Es scheint, als seien selbst die Luftwege nach Kabul Schotterstraßen. Im Streulicht der Frankfurter Wartehalle für die arabische Welt politisierende Orientalen, alte Mütterchen, die ganze Kulturräume mit sich schleppen, Rückkehrer mit vollen Aldi-Tüten, Exilanten mit Mangelwaren, einer riesigen Baumschere, einem Vogelbauer, dazwischen ein Mädchen auf Krücken, frisch operiert, auch deutsche Polizisten und Ausbilder. Windige europäisierte Afghanen und Perser, die sich »Vermittler« nennen, flüstern: »Wenn Sie meine Dienste brauchen… In Kabul nehmen Sie sich einen Paschtunen als Dolmetscher. Alle anderen lügen oder sind vom Geheimdienst.« Die Schlange stottert voran, auf »Attraction« zu, vorn Werbung für »The New Fragrance for Women«, auf der Rückseite ein Fahndungsplakat für arabische Terroristen. Dann haben wir das Land verlassen.

Um wo anzukommen? Wüsten stoßen an schneebedeckte Bergmassive, das lichte Sandgelb geht in das funkelnde Weiß der Schneedecken über. Evakuierte Landschaft. Der Hindukusch mit seinen eng gefältelten Bergketten, seinem Karakul-Muster, als steinerne Springflut liegt er da, mit dicht rollenden Felswellen.

Den umkämpften Flughafen von Kabul flankiert ein Lastwagenfriedhof. Verlassene Stellungen, Flugzeugwracks und demolierte Helikopter im baufälligen Hangar. Die Maschine rollt in das Elend der zerrütteten Stadt, begrüßt von Transparenten mit den drei Repräsentanten Präsident Karsai, Kriegsheld Massud und Siemens: Welcome to Kabul.

Auf den Straßen das Denkmal einer Rakete, in den Containern Läden mit Gemüse, hängendem Fleisch, Everest Pizza. Die Architektur des Elends ist überall gleich. In die Schneisen des Friedens dringen die Handyanbieter zuerst, und die Busse grüßen: »Modern Hamburg All the Best«. Wir passieren Militärposten, dann das »Ministerium für Grenzen und Stammes-Angelegenheiten«, die »Kriegsopferklinik«.

Die Kriegsgeschichte dominiert alles in diesem Februar. Der letzte Raketenbeschuss ist nur Wochen her, Ruinen, ausgebrannte Panzer, schweres Gerät liegen gestrandet. Selbst die Straßenarbeiter stehen im Graben, die Schaufeln halten sie wie Waffen. Kinder lehnen an der Hauswand, gespenstisch erwachsen, in Posen, die sie den Kriegern abgeschaut haben. Manchmal fassen sie sich in die Achselhöhle, wie die Kämpfer in ihre Holster. In unserer Luxus-Psychologie heißt das »Traumatisierung«. Sie haben ihr Leben dem Tod abgetrotzt.

Der einzige Schmuck des Hotelzimmers ein Din-A4-Foto: Touristen auf Liegestühlen vor Bambushütten. Darunter steht »Afghanistan«. So habe ich es mir nie vorgestellt. Aber draußen ruft der Muezzin, die Tagesdecke ist aus Velour, bedruckt mit fetten Rosen, und auf dem Zahnputzwasser im Bad bildet sich nachts eine Eisschicht.

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