kabinett »Freiheit ist mehr als nur Gewerbefreiheit«

Bundeskanzler Gerhard Schröder über seine Strategie für die Bundestagswahl 2006, die Schwächen von Rot-Grün, den Trost für Heide Simonis – und die Stärke von Schalke 04

DIE ZEIT: Herr Bundeskanzler, noch vor zwei Monaten wurde im Ausland gefragt: »Warum gibt es in Deutschland eine so schwache Opposition?« Inzwischen ist vom rot-grünen Niedergang die Rede. Wie erklären Sie sich das?

Gerhard Schröder: Die Zeiten werden immer schnelllebiger, die Bewertungen von Politik wechseln ebenso schnell. Politik bekommt kaum Zeit, die Wirkungen dessen, was sie tut, zur Wirklichkeit zu bringen. Zudem hatte das Überschreiten der 5-Millionen-Zahl in der Arbeitslosenstatistik sicher Einfluss. Drittens soll man nicht unterschätzen, was sich um Schleswig-Holstein herum vollzogen hat. Die Aussicht darauf, stärkste Partei zu werden, war nach allen Umfragen sehr groß.

ZEIT: Bis zum Donnerstag vor der Wahl.

Schröder: Ja. Darauf hatten sich viele eingestellt, die SPD in Schleswig-Holstein zuerst, aber auch die ganze SPD und die Öffentlichkeit.

ZEIT: Verteidigungsminister Struck hatte bei der Sicherheitskonferenz in München bereits auf den Sieg von Heide Simonis angestoßen.

Schröder: Davon weiß ich nichts. Ich weiß, dass er dort eine viel beachtete Rede gehalten hat. Aber ernsthaft: Wir alle hatten ähnlich kalkuliert.

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Weil in Schleswig-Holstein mit einem deutlichen Sieg gerechnet wurde, war die Enttäuschung besonders groß, dass man dort nur zweitstärkste Partei wurde. Schließlich hatte die Tatsache, dass Frau Simonis nicht gewählt worden ist, eine enorme psychologische Bedeutung. Das alles trägt dazu bei, dass manch einer jetzt über das angeblich nahende Ende von Rot-Grün philosophiert. Aber ich bin sicher: Das wird nicht eintreten.

ZEIT: Lassen Sie uns aus Ihrer Ursachen- eine Fehleranalyse machen. Sie sagen, die Zahl von 5,2 Millionen Arbeitslosen hat psychologisch eine gravierende Wirkung gehabt. Aber darauf waren Sie doch vorbereitet.

Schröder: Ja.

ZEIT: Wurde hier nicht wieder ein fataler Kommunikationsfehler begangen?

Schröder: Man darf jetzt nicht die falschen Schuldigen suchen. Die viel benutzte Formulierung »Es ist die richtige Politik, sie wird nur schlecht verkauft« ist nicht zutreffend. Gegen eine solche Zahl und ihre psychologische Wirkung kommen Sie nur ganz schwer an. Auch wenn Sie sie Tag für Tag erklären und es wahrlich nachvollziehbare Gründe für diese Zahl gibt, nämlich die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe.

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