Sozialmodelle Klassenkampf in Europa
Die EU-Länder wollen das Europäische Sozialmodell verteidigen. Doch sie sind sich nicht einig darüber, was das eigentlich ist
Die französische Zeitung berichtete am 22. März ausführlich über die Verurteilung eines polnischen Unternehmens durch ein dänisches Arbeitsgericht. Die Anklage lautete auf Sozialdumping. Die Firma habe dänische Lohngesetze unterlaufen und gegen die EU-Entsenderichtlinie aus dem Jahr 1996 verstoßen.
Frankreich, Polen, Dänemark – alles hängt mit allem zusammen. Das ist kein Theorem der modernen Physik, sondern Alltag im europäischen Integrationsbetrieb.
Am selben 22. März berichtete die Brüsseler Zeitung Le Soir über das Urteil des belgischen Arbeitsgerichts in Charleroi gegen den irischen Billigflieger Ryanair. Die Luftlinie hatte nach einjähriger Probezeit drei Angestellte des Bordpersonals entlassen. In Belgien dauert eine Probezeit allerdings nur sechs Monate, die Kündigung kam zu spät. Zwar wurden die Arbeitsverträge in Dublin unterzeichnet und das Gehalt auf irische Konten überwiesen. Aber, so das Gericht, die Angestellten hätten den Großteil ihrer Arbeitszeit auf belgischem Boden gearbeitet. Somit stünden ihnen alle Vorzüge des belgischen Rechts zu.
Der Zufall des Kalenders fügte es so: Ebenfalls am 22. März beschworen die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem Brüsseler Gipfel den Schutz »unseres Sozialmodells«. Doch wie sieht das Modell überhaupt aus, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich in der EU noch nie so groß waren wie heute, nach der Erweiterung? Gibt es überhaupt ein Modell – oder nicht doch eher 25 verschiedene, die gelegentlich in Gerichtssälen kollidieren?
»Gewiss erfährt das Europäische Sozialmodell in 25 Mitgliedsstaaten ganz unterschiedliche Ausprägungen«, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder gegenüber der ZEIT. »Entscheidend aber ist, dass überall der soziale Zusammenhalt das Ökonomische ergänzt.«
Wie aber soll die Formel dafür aussehen, wie viel Soziales, wie viel Ökonomisches?
Vor der Erweiterung konnten in der Union zwei Schulen der Sozialpolitik unterschieden werden – die liberale in Großbritannien und Irland und die sozialdemokratisch-kontinentale. Mit dem kleinen Unterschied konnte ganz Europa leben. Seit der Erweiterung ist als dritte Schule der wachstumsstarke, postkommunistische Kapitalismus Zentraleuropas hinzugekommen. »Ist dieser das Modell eines post-welfare capitalism für ganz Europa?«, fragt Michael Ehrke, der das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest leitet. »Oder gelingt es, das noch dürre Gerüst des Europäischen Sozialmodells so mit Inhalt zu füllen, dass die normativen Kerne der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten erhalten bleiben?«
Noch einmal zurück zum 22. März und zu dem EU-Gipfel, der an diesem Tag begann: Gestritten wurde dort über die Dienstleistungsrichtlinie der Europäischen Kommission, inzwischen in Überarbeitung geschickt. Der luxemburgische Premier und EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker kommentierte den Disput so: »Niemand darf glauben, dass wir die Öffnung des Dienstleistungssektors nicht brauchen, schließlich stellt dieser 70 Prozent der Wertschöpfung der europäischen Wirtschaft dar. Aber eine solche Öffnung muss mit Fingerspitzengefühl erfolgen. Ja zur Liberalisierung der Dienstleistungen, nein zum Sozialdumping!« In Luxemburg, Berlin und Paris ist Juncker dafür Applaus sicher. Aber auch in Warschau, Prag oder Tallinn?
Junckers Blick war bang auf Frankreich gerichtet. Dort treibt die Empörung über die Richtlinie die üppigsten Blüten, bringt die Regierung in Bedrängnis und lässt die Zustimmung zur Europäischen Verfassung bröckeln. Die notwendige Liberalisierung der Dienstleistungen gilt unter Franzosen als finsteres Machwerk eines »angelsächsischen« Liberalismus. Von den 60000 Demonstranten, die kurz vor dem Gipfel in Brüssel gegen die geplante Richtlinie auf die Straße gingen, kam jeder Dritte aus Frankreich. Immerhin waren aber auch gut 1000 Rumänen dabei. Eine Richtlinie, benannt nach ihrem Autor, dem damaligen EU-Kommissar Frits Bolkestein, noch im Entwurf, noch nicht verabschiedet, wird zum gesamteuropäischen Streitfall. Das gab es noch nie.
Es geht nicht um Ost gegen West, es geht um einen Kampf der Ideologien
Anhand von Bolkesteins Konzept wird vermessen, wie sozial, wie liberal das neue Europa sein soll. Für oder gegen die Richtlinie – der Riss geht mitten durch Europa: Die polnische Solidarno™ƒ ist dagegen, »weil das den sozialen Schutz abbaut«. Der ungarische Europaminister Etele Barath ist dafür, »Schließlich kamen die Bankiers und Industriellen der 15 ungehindert nach Mitteleuropa, warum sollen wir da jetzt nicht ungehindert unsere Dienste anbieten?« Der britische Gewerkschaftsführer John Monks, Chef der European Trade Union Confederation, ist dagegen: Diese Richtlinie führe Europa »auf neoliberale Abwege«. Philippe de Buck, Generalsekretär des Europäischen Unternehmerverbandes Unice, ist dafür: »Das bringt Wachstum, das bringt Arbeitsplätze.«
Was da tobt, ist mehr als ein bloßer Ost-West-Konflikt zwischen neuen und alten Mitgliedern – es ist ein Krieg der Ideologien.
Dabei sollte die Richtlinie nur der Schlussstein im Gebäude des europäischen Binnenmarktes werden. Der besteht nach den Römischen Gründungsverträgen von 1957 aus den so genannten vier Freiheiten: der für Waren, Kapital, Personen, Dienstleistungen. Die ersten drei Säulen stehen fest. Nur die vierte, die Dienstleistungsfreiheit, gibt es bis heute nicht – auch weil sich dabei soziale Fragen besonders hart stellen. Wenn künftig der Handwerker aus Slowenien in Deutschland zu Heimatbedingungen arbeitet, stellt das hierzulande soziale Rechte infrage.
Sozialpolitik war in Europa lange den Mitgliedsstaaten vorbehalten. Nur im kollektiven Unterbewusstsein der Mitglieder existierte das Europäische Sozialmodell. Doch der gemeinsame Markt macht zunehmend gemeinsame Antworten nötig. Mit der Europäischen Beschäftigungsstrategie, die der Amsterdamer Gipfel 1997 formulierte, versuchte die EU eine erste Antwort. Aber noch heute raschelt da der gute Wille mit viel Papier. Vor fünf Jahren wurde dann in einer Boomphase die Lissabon-Strategie als Wunschliste aus Europas Wolkenkuckucksheim verabschiedet und jetzt in Brüssel wiederum erheblich eingedampft. Sie setzt den 25 Mitgliedsstaaten bei Forschung und Finanzmärkten, bei Frauenarbeit und Altersbeschäftigung konkrete Ziele.
Ein Beispiel: Nach Vorgabe der Lissabon-Strategie sollen 70 Prozent der europäischen Bevölkerung ins Arbeitsleben integriert sein. Derzeit sind es nur 63 Prozent. Mehr Menschen auf den Arbeitsmärkten seien aber für ein stärkeres Wachstum nötig, erklärte im November eine EU-Sachverständigengruppe. Die Brüsseler Kommission fordert daher eine andere Bildungs- und Weiterbildungspolitik und eine kinder- und frauenfreundliche Familienpolitik. Sanktionsmöglichkeiten hat sie jedoch kaum. Die Macht liegt bei den nationalen Regierungen – und die nutzen sie unterschiedlich. Das Europäische Sozialmodell lässt also auf sich warten.
- Datum 31.03.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.03.2005 Nr.14
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