Es gibt ein neues Wort im Management-Englisch, das auf beklemmende Weise die öffentlichen Auftritte des Papstes Johannes Paul II. benennt. Das Wort heißt facetime, und gemeint ist die Zeit, die eine Führungskraft mit ihren Leuten verbringt. Die Wirtschaftspsychologie sagt, facetime sei ein entscheidender Wert: Die Untergebenen müssten immer neu erfahren, dass es ihren Chef wirklich gibt.

Johannes Paul II. gewährt uns in seinem Siechtum eine enorme facetime. Er bleibt bei uns. Der Stellvertreter Gottes macht seine Abberufung zum Gleichnis. Er sieht den eigenen Schmerz als Teil der Mission. Der "religiöse Popstar" (Spiegel) starb nicht den frühen Tod der Pop-Heiligen, aber er ist zum ausdauerndsten öffentlichen Sterben bereit, das die Menschheit je erlebt hat.

Der Papst lässt zu, dass mit seinem Gesicht geschieht, was der Künstler Francis Bacon mit dem Bildnis des Papstes Innozenz X. (nach Velázquez) getan hat. Bacon hat das Porträt des Papstes mit einer Schreckfigur unserer Zeit, der nach ihrem Baby schreienden Frau aus Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin, verschmolzen zum Inbild des Grauens: Er erfand den schreienden Papst.

Die Erscheinung Johannes Pauls II. wird derzeit in den Medien vielfach assoziativ bearbeitet: Man verbindet die Gestalt des um Worte, Stimme, Atem Ringenden mit Sterbenden und Untoten aus der Kunst, etwa mit dem Dichter Schwitter aus Dürrenmatts Komödie Der Meteor (der nicht sterben und nicht leben kann) oder mit Becketts immobilem Hamm aus dem Endspiel oder mit Hofmannsthals Jedermann, der einen Verbündeten sucht, der mit ihm stirbt (während der Papst Zeugen fordert, die ihm dabei zusehen).

Der Soziologe Helmut Plessner hat den Gegensatz umrissen, den der Papst nun sterbend aufzulösen versucht, den Gegensatz zwischen Körper und Rolle. Plessner schreibt: "Der Blick von außen, der uns trifft, unser eigener wie der fremde, ist die immerwährende Gefahr, welche unser Gefühl um seine Echtheit bringt und uns dazu erhöht oder erniedrigt, als jemand zu figurieren, dem wir gewachsen sein müssen." Der Blick von außen. Im Fall des Papstes ist das der Blick der ganzen Menschheit – und der Blick Gottes. Diesen Blicken kann man nicht gewachsen sein. Und so beschloss der Papst, einen Mann darzustellen, der den Tod stellvertretend für uns alle will und ihm sein Grauen nimmt.

Jedoch, es kommt ganz anders heraus. Im Versuch, uns zu zeigen, dass dem Tod kein Schrecken innewohnt, ist der Papst zur Verkörperung dieses Schreckens geworden. Sein ganzes Tun wirkt wie das erbitterte Beharren eines Mannes, der sein Ende nicht zulässt. So zäh ist dieser Kampf, dass man dem Kämpfer zutraut, er könnte ihn gewinnen. Vielleicht wird Johannes Paul II. sein Gefolge und uns alle überleben, immer tiefer sich krümmend, der Stellvertreter Gottes, am Ende verstummt, bis die ratlosen Nachfahren nur noch seinen Atem hören.