Technik Die Kunst des Anziehens

Kein Heimwerken, kein Autobau, keine Weltraumfahrt ohne die gute alte Schraube. Die Gewinde mit Köpfchen können mehr, als nur Werkteile aneinander zwingen. Mit der intelligenten Schraube treibt der Mensch die technische Evolution zum Höhepunkt

Von Sensation zu sprechen hieße untertreiben. Wenigstens eine Revolution, wahrscheinlich sogar ein Paradigmenwechsel steht unmittelbar bevor. Im April werden Heimwerker, Holz verarbeitendes und Baugewerbe Kopf stehen: Die neue Spax kommt! Mit Multikopf, reduzierter Durchdrehneigung, mehr Wellenprofil und 20 Prozent höherer Einschraubgeschwindigkeit. Außerdem: Fourcut-Spitze gegen spleißendes Holz! Tusch!

Es gibt Menschen, die nicht wissen, was eine Spax ist. Für diese Bedauernswerten, für all die Leute mit zwei linken Händen und jene, die nicht mal eine defekte Glühbirne ersetzen können, sei erklärt: Die Spa nplattenschraube mit Kreuzschlitz (»x«) ist der Inbegriff der modernen Holzschraube. Vor rund 40 Jahren, als alle Welt noch knubbelige Schlitzschrauben ins Holz würgte, wurde bei Altenloh, Brinck & Co. (»ABC«) in Ennepetal-Milspe die Schraube erfunden, die den modernen Schnellbau in Holz erst möglich machte. Kein lästiges Vorbohren mehr – die Spax schneidet sich ihren Weg durchs Holz selbst. Steile Gewindegänge – das Schrauben geht schneller. Und dank Kreuzschlitz rutschen kaum mehr Schraubendreher ab. Heute ist Spax, milliardenfach kopiert, zum Gattungsbegriff aufgestiegen wie Tempo, Tesa oder Maggi.

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Wer glaubt, 2250 Jahre nach der Erfindung der Archimedischen Schraube durch den gleichnamigen griechischen Mathematiker (der nicht ans Befestigen, sondern an Wasserbeförderung dachte) hätte es sich ausgeschraubt, der irrt. Geschraubt wird heute alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Schraubenwinzlinge von einem halben Millimeter Durchmesser halten Uhrwerke zusammen. Mannshohe, armdicke Schrauben fixieren Fotovoltaikanlagen im Erdreich. Selbst Windräder wurden mit solchen Monsterschrauben im Acker verschraubt.

Und weil es keine zuverlässigere Verbindung gibt, die sich zugleich so problemlos wieder lösen lässt, gilt die Schraube sogar als ökologisch wertvoll. So gern auch im Handy und im Auto geklebt und geklipst wird – in Zeiten der Altautorichtlinie und der Elektroschrottverordnung ist die Schraubverbindung aktuell wie eh und je. Dabei geht es nicht nur um die M8-Normschraube oder die gemeine Spax. Wer auch nur einen flüchtigen Blick in die weitgehend mittelständisch organisierte deutsche Schraubenbranche wirft, entdeckt: Was hierzulande aus den Pressen fällt, ist feinste High Tech, Sahnestücke der Schraubenentwicklung. Medizinschrauben. Weltraumschrauben. Leichtbauschrauben. Nichtmetallschrauben. Kurz: Sonderschrauben.

Hinter dem Bahnhof in Neuss brach 1936 die Schrauben-Revolution aus

Neuss bei Düsseldorf, Bahnhofsrückseite. An einer gammeligen Häuserfront entdeckt man eine riesige Nachkriegsreklame für »Inbus«-Schrauben. Die waren 1936 wegen des sicheren, hohe Kräfte übertragenden »Innenangriffs« mittels Inbusschlüssel auch schon mal revolutionär. Nebenan steht die große Neusser Schraubenfabrik, die sich im Produktnamen verewigte, denn Inbus kommt von »In nensechskant B auer u nd S chaurte« (und heißt darum keinesfalls »Imbus«, wie Halbgebildete allzu oft glauben). Die Firma nennt sich zwar heute Textron Verbindungstechnik, weil sie mittlerweile dem amerikanischen Mischkonzern Textron gehört. Doch trotz einer sehr wechselhaften Firmengeschichte trifft man hier immer noch Leute, die stolz sind auf die Firmentradition seit 1876, auf ihr Know-how. Und natürlich auf ihre Schrauben.

So einer ist der Ingenieur Josef Esser, auf dessen Grabstein dereinst stehen wird: »Ein Leben für die Schraube«. Er ist in dem Betrieb Chefentwickler. Und Mitglied im Schraubenverband. Obmann im Normenausschuss Verbindungselemente, Abteilung »Schrauben mit klebenden und klemmenden Beschichtungen«. Außerdem Mitautor des Standardwerks Schrauben Vademecum.

Eine Werksführung mit Esser ist ein Abenteuer. Da erlebt man die archaisch anmutende Technik der Kaltumformung. Kleine Abschnitte von großen Drahtrollen werden in leistungsstarken Pressen unter unvorstellbarem Druck schrittweise gestaucht und verformt, bis sie Köpfe haben, runde oder sechskantige, eventuell auch Taillen und Bäuche. Und schließlich wird den so genannten Nägeln ein passendes Gewinde aufgedrückt. Schrauben bis zur Normgröße M30 kann man so herstellen. Größere oder stark zu stauchende Schrauben werden »warm« – was eigentlich sehr heiß bedeutet – umgeformt.

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