Technik Die Kunst des AnziehensSeite 3/3

Der größte Durchzug allerdings herrscht derzeit bei den Leichtbauern. Leichte bis ultraleichte Schrauben verlangt vor allem die Automobilindustrie, Hauptabnehmer der deutschen Schraubenhersteller und treibende Kraft bei Forschung und Entwicklung. So hat BMW seinen neuen 6-Zylinder-Benzinmotor erstmals fast ganz aus Magnesium gefertigt und konnte sensationelle 10 Kilogramm Gewicht einsparen. Nur die Zylinderlaufbuchsen bestehen noch aus Aluminium. Weil Stahlschrauben in Leichtmetallen aber zu Kontaktkorrosion führen und sich bei Erwärmung nur etwa halb so stark ausdehnen wie das Umgebungsmaterial, brauchte BMW hochfeste Aluschrauben. Die kann man zwar auf den vorhandenen Maschinen herstellen, doch Berechnung und Auslegung stellen eine beachtliche Herausforderung dar.

Der Gipfel innovativer Schraubentechnik betrifft aber die nichtmetallischen Schrauben. Hier ist besonders an Kunststoffe zu denken. Dass mittlerweile auch die ultraleichten »Composites« (Verbundwerkstoffe) in einer Qualität hergestellt werden können, die an den Einsatz in hoch belasteten Schraubverbindungen denken lassen, verdankt die Welt dem Schweizer Spezialisten Icotec. Die Firma bietet – zunächst für medizinische Implantate wie Schrauben, Platten oder Nägel – einen Kunststoff an, der gewebeverträglich ist und weder korrodiert noch bricht. Mit dem an der ETH Zürich entwickelten CMF-Verfahren (Composite Flow Moulding) kann man solche festen, endlosfaserverstärkten Kunststoffe herstellen. Sie sind warm veränderbar und in beliebige Form zu bringen.

Anzeige

Der High-Tech-Kunststoff sorgt nicht nur bei Orthopäden und Zahnärzten für Aufregung. Auch ein Hersteller ultraleichter Edelfahrräder nutzt für sein Karbonfahrrad das Icotec-Material. Bei den Bremsbelägen, Getränkehalterungen und Schaltröllchen ist so manches Gramm einzusparen. Airbus prüft derzeit, ob der Werkstoff auch im Flugzeugbau taugt. Solche Kunststoffschrauben haben allerdings ihren Preis, und der liegt in der Nähe von hochwertigem Titan.

Auf einen günstigen Kunststoff mit Stahlqualitäten wird man noch eine Weile warten dürfen. Bis dahin bewegen das Herz des Schraubenfreundes andere Nachrichten. Etwa die von Textron, der amerikanischen Mutter des Neusser Inbus-Erfinders. Textron hält das Patent auf die bei Heim- und Handwerkern ungemein beliebte Torx-Schraube (für Uneingeweihte: Die Torx ist die bislang höchste Evolutionsstufe der Schraube mit Innenangriff. Statt über Innensechskant oder Kreuzschlitz wird die Kraft über einen Innenstern weitergereicht, der mehr Kontaktfläche und einen günstigeren Angriffswinkel zwischen Schlüssel und Schraube bietet). Die frohe Botschaft für die Freunde des Schraubens: Textron bringt Torx plus! Noch sichererer Sitz des Schlüssels. Noch bessere Kraftübertragung. Noch weniger Ermüdung des Schraubenden. Und durch Reduzierung der Axialkräfte ein noch längeres Leben von Schraube und Werkzeug. Tusch!

Es gibt Schrauben wie Sand am Meer und fast ebenso viele Kategorien. Eine Unterscheidungsmöglichkeit ist die Art des »Angriffs«. Die gemeine Außen-sechskantschraube (1) wird außen angegriffen – mit dem vertrauten Schraubenschlüssel. Den traditionsreichsten Innenangriff besitzt die Schlitzschraube(2), den älteren Lesern noch in der Sonderform der einfachen Holzschraube (3) bekannt. Zwei Schlitze halten besser als einer: 1933 wurde in den USA die Kreuzschlitzschraube (4) patentiert. Die »Phillips-Schraube« hatte noch konisch zusammenlaufende Innenflanken, darum rutschte der Schraubendreher leicht heraus. Die verbesserte Form heißt »Pozi« (von: Pozidriv). Man erkennt sie an den feinen Sternlinien, die von den Ecken des Kreuzes ausgehen. Die bekannteste Kreuzschlitzschraube ist die Spanplattenschnellbauschraube Spax. Einen noch satteren Innenangriff bietet die unter dem Markennamen Inbus bekannte Innensechskantschraube (5). Passt der Inbusschlüssel, lässt sich jede Schraube bis zum Abreißen anknallen (Ausnahme: Ikea-Inbusschlüssel). Das ultimative Anzieherlebnis hat der Heimwerker derzeit mit der Innenvielzahnschraube (6). Sie heißt landläufig »Torx« und überträgt die Schrauberkraft über runde Zähnchen.

 
Service