Die Figuren des Dramatikers Botho Strauß wirken, als seien sie mit dem Netz aus der Tiefe der Gattung gefischt worden: Menschenfang, der kurz betrachtet und gleich wieder ausgekippt werden soll, nicht für Licht und Lagerung gemacht, nur im Entwischen begreifbar. Strauß liebt den Gedanken, dass die Menschen nur Links seien, Pfeile im unbegriffenen Flug, Suchbefehle auf dem Weg zu obskuren Quellen. Seine Stücke zeigen das tobende Geschwirr solcher ahnungsloser Links um eine uralte Welt.

Auch die Figuren seines neuen Stücks sind Links, aber sie führen nicht nur zu den Anfängen unserer Kultur. Sie führen auch zum Theateraugenblick, zu den Darstellerinnen auf der Bühne.

Es geht in Die eine und die andere um zwei gescheiterte Frauen, die einander ein Leben lang bekämpft und mit demselben Mann je ein Kind gezeugt haben (Dieter Dorn hat das Stück im Januar am Münchner Residenztheater uraufgeführt, ZEIT Nr. 6/05). Insa und Lissie, die eine Besitzerin eines leer stehenden Gasthofes im Oderbruch, die andere arbeitslose Kulturjournalistin, sind unzertrennliche Feindinnen. Männer waren zwischen ihnen nur Störungen, die von Lissie mit resolutem Sex aus dem Weg geräumt, weggelasert wurden.

Insa und Lissie werden am Berliner Ensemble dargestellt von Edith Clever und Jutta Lampe, zwei so genannten Diven aus den sagenhaften Zeiten der alten Berliner Schaubühne, die einander und den Dramatiker Strauß seit Jahrzehnten kennen und umschwirren. So lässt sich behaupten, dass Insa und Lissie zwei Figuren-Links sind, die, von Strauß losgeschossen, in den Großdateien CLEVER und LAMPE einschlagen.

Die eine und die andere ist ein Stück über das Spielen am Abgrund und über die Frage, wie man es zu Ende bringt; das Endspiel einer ästhetischen Schule, des alten Berliner Schaubühnentheaters.

Im Stück sagt Insa: "Nämlich die Zeit war der Hund der Götter. Und als die Götter alle vertrieben und verschwunden waren, da lief dieser Köter herrenlos, verwildert und hungrig jaulend rund um die Welt. Da er keinen Brocken von der Goldenen Dauer mehr fand, die ihm die Himmlischen einst zuwarfen, fraß er nun die Wochen und die Tage, sogar die Minuten und die Sekunden, und dann die klitzekleinen Augenblicke."

Auf der Bühne des Berliner Ensembles hat der herrenlose Köter auch das Licht und den Himmel weggefressen: Karl-Ernst Herrmann (alte Schaubühnenschule) zeigt uns das All, das unter und über uns klafft, die Spieler agieren im Bodenlosen. Von der Natur bleibt ein Ensemble von Windrädern, die sich im Uhrzeigersinn drehen, Mühlen, die die Zeit klein mahlen.