Es war im Frühling 1998, wir saßen in einem Café in Lyon, alle Erasmus-Studenten, und wir sprachen darüber, was sein würde, wenn unser Studium zu Ende ginge. Wir waren uns sicher, gebraucht zu werden. Wir machten ja alles richtig. Wir studierten rasch, wir lernten Sprachen, wir gingen ins Ausland. Als Letzte der Runde erzählte Letizia aus Padua, was sie von ihrem Leben nach dem Studium erwartete: In Italien, berichtete sie, sei es keinesfalls üblich, gleich einen Job zu bekommen. Stattdessen nehmen die Absolventen dort viele schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika an, um, nach ein paar Jahren vielleicht, eine richtige Stelle zu bekommen. Das um einen Bistrotisch versammelte restliche Europa war überrascht und empört. Ich war froh, in ein paar Monaten nach Deutschland zurückzukehren.

Als ich drei Jahre später fertig war mit Studieren, hatte sich auch Deutschland ein wenig italienisiert. Ich habe nachgezählt: Es waren genau 66 Wochen – ein Jahr, drei Monate und zwei Wochen –, die ich nach dem Studium als Praktikant zugebracht habe (und etwa die gleiche Zeit während des Studiums). Nahezu meinem gesamten Bekanntenkreis ging es so, nicht nur den Geisteswissenschaftlern und Architekten, auch denen, die vergleichsweise marktkonforme Studienfächer gewählt hatten: Ingenieuren und Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Sozialarbeitern.

An und für sich sind Praktika etwas Gutes. Früher hießen sie oft Schnupperpraktika, weil es darum ging, einmal hineinzuriechen in eine Zementfabrik oder eine Werbeagentur, um herauszufinden, ob der Beruf zu einem passt oder nicht. Die Praktikanten heute haben sich längst für einen Beruf entschieden.

Je mehr arbeitslose junge Akademiker es jedoch gibt, desto lieber stellen die Unternehmen Praktikanten ein, die für wenig Geld professionelle Arbeiten verrichten. So ist zwischen Ausbildung und Beruf eine häufig mehrere Jahre währende Dauerpraktikantenschaft getreten. Die Wissenschaft hat diesen Jahren bereits einen Namen gegeben: die floundering period. Eine Phase, in der man zappelt wie eine Flunder.

Vor zwei, drei Jahren war in den Zeitungen viel über die "Generation arbeitslos" zu lesen, von jungen, gut ausgebildeten Menschen, die früh ihren Job verloren. Die Flundermenschen sind anders: Sie wurden nie arbeitslos, weil sie nie einen festen Job hatten. Sie haben daher auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder auf Startgeld für eine Ich-AG.

Wer heute im Internet nach Jobangeboten für Berufsanfänger sucht, der findet dort vor allem Praktikantenstellen. Alleine in den vergangenen vier Wochen wurden auf der Seite Jobpilot 3320 neue Praktikantenstellen angeboten – und nur 1560 feste Stellen für Berufsanfänger. In der Praktikantenbörse der Berliner Stadtzeitschrift zitty suchen in der aktuellen Ausgabe 24 Firmen einen Praktikanten. Nur vier davon versprechen ein Honorar. Eine Magix AG bot dort vor ein paar Wochen, fast schon gönnerhaft, "mindestens 250 Euro" – für einen Praktikanten, der gleich ein halbes Jahr bleibt und fähig ist, "selbstständig" zu arbeiten, er soll die "Online-Präsenz optimieren". Solche Praktika klingen nicht mehr sehr nach Schnuppern, eher nach Ausbeuten. Aber das gibt natürlich keiner gerne zu.

Ein paar Anrufe bei großen Firmen, die viele Praktikanten beschäftigen: Roland Berger, Siemens, DaimlerChrysler, alle sagen, dass sie nicht mehr Praktikanten einstellen als noch vor ein paar Jahren. Nur die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung gibt offen zu, dass bei ihr in den vorigen Jahren die Zahl der Festangestellten gesunken und jene der Praktikanten gestiegen ist.

"Ich mache noch mal ein Praktikum" – ein häufig gehörter Satz auf Partys