Generation PraktikumSeite 4/4
In Straßburg, beim Fernsehsender Arte, wo es von Praktikanten nur so wimmelt, ist es dagegen durchaus üblich, dass Festangestellte ihre Praktikanten bei sich wohnen lassen. In ihren Altbauwohnungen, gegen Bezahlung. Eine nur auf den ersten Blick glückliche Idee. Es gibt dort Praktikanten, die sich von ihren Vermietern, drei Jahre älter als sie selbst, vorschreiben lassen, welches Geschirr sie benutzen dürfen und an welchen Wochenenden der Freund zu Besuch kommen darf. Praktikanten sollen, so heißt es, Erfahrungen sammeln. Auf einige könnten sie gut verzichten.
Nach jedem Praktikum, das zu nichts führte, bleibt ein Schaden zurück
Von Praktikum zu Praktikum nimmt die Zuversicht weiter ab, dass man selbst einmal eigene Visitenkarten und ein Namensschild an der Tür haben wird. Thomas Kieselbach von der Uni Bremen nennt das den Hysterese-Effekt. Der Begriff kommt aus der Physik: Wenn man Metalle einmal verbiegt, dann biegen sie sich zwar wieder zurück, aber nicht vollkommen. Es bleibt immer ein kleiner Schaden zurück. So geht es dem Praktikanten auch: Er muss, wenn das Praktikum überhaupt einen Sinn ergeben soll, voller Hoffnung sein und voller Tatendrang. Wenn das zu nichts führt, ist er enttäuscht, und beim nächsten Praktikum wird es ihm schwerer fallen, optimistisch zu sein. Er zwingt sich mit immer mehr Selbstbetrug. Und so fort. Mein Juristenfreund im Ruhrgebiet hatte sich vor kurzem um eine Stelle beworben. Das Gespräch verlief gut – bis zu dem Moment, als ihn einer der Interviewer fragte: »Nun erklären Sie uns mal, wie so ein guter Typ, wie Sie es sind, seit mehr als einem Jahr ohne Job ist.«
Der Dauerpraktikant schadet nicht nur sich selbst. Weil es so einfach für die Unternehmen ist, echte Stellen mit Praktikanten zu besetzen, sorgt er auch dafür, dass es weniger echte Jobs gibt. Das Einzige, was helfen würde, wäre ein Praktikantenboykott: Niemand, der bereits einen Uniabschluss hat, macht noch ein Praktikum. Auch nicht für 800 Euro im Monat. Wenn die Firmen diese Praktikanten nicht mehr bekommen, müssen sie wieder richtige Angestellte suchen und ihnen zumindest befristete Verträge anbieten. Das Ganze funktioniert aber leider nur, wenn sich wirklich alle daran halten. Also funktioniert es nicht.
Meine Bekannten jedenfalls reden davon, dass Schluss sein müsste mit dem Praktikum, aber endgültig, und ein paar Wochen später kümmern sie sich schon wieder um ein neues.
Leidet ihr Leben in dieser Zeit, oder stecken sie das alles weg? Während sie ihre Praktika machen, hört man sie selten klagen. Wenn man sie fragt, sagen sie ganz flexibilisiert: »Es geht schon«, und sie heben hervor, dass das Praktikum ja auch Spaß mache. Ihren wahren Gemütszustand geben sie erst hinterher preis, wenn sie endlich einen Job gefunden haben – und auch dann nur indirekt.
So wie mein Freund aus dem Ruhrgebiet, der nach einer Flunderzeit von anderthalb Jahren einen Job bekommen hat, in einem Verband, ohne dort je ein Praktikum gemacht zu haben. Seither, erzählte er mir, gehe es ihm wieder ganz gut. Er spricht davon, die entspanntesten Wochen seit langem zu erleben. Er habe eine Frau kennen gelernt, sagte er mir kürzlich am Telefon. Natürlich kann es sein, dass das nur Zufall ist.
- Datum 31.03.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 31.03.2005 Nr.14
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