London

Erleichtert kehrten Labours Wahlkampfmanager aus dem Osterwochenende zurück. Ganz unerwartet boten die Tories ihnen die Chance, wegzukommen von den "verzwickten moralischen Themen", die ihnen bisher den Wahlkampf schwer machen: von Abtreibung und gesellschaftlicher Verwahrlosung, von Einwanderung und Asyl. Die moralischen Fragen drohten Blairs frohe Botschaft von den wirtschaftlichen Errungenschaften zu überlagern. Nun kann die Regierung die Wähler mit der Gruselstory erschrecken, die Konservativen planten die Demontage des Sozialstaates.

Zu verdanken hatte Labour das Ostergeschenk Howard Flight, bis zum Wochenende stellvertretender Generalsekretär der Tories. In einer Dinnerrede hatte Flight schwungvoll vom Leder gezogen: Wenn wir erst mal an der Macht sind, so seine Botschaft, werden wir richtig loslegen, werden Steuern massiv senken, die Staatsquote herunterfahren und die Bürokratie abspecken. Im Wettstreit der Ideen an sich eine legitime Position, nur derzeit hoffnungslos aus der Mode geraten bei den Briten. Weshalb die Konservativen den Wählern hoch und heilig versprechen, genauso viel Geld in Schulen und Krankenhäuser zu pumpen wie Labour und die Steuern nur bescheiden zu senken, nachdem man für höhere staatliche Effizienz gesorgt hat.

Die Rede Flights, die offenbar von einem eingeschleusten Labour-Spitzel heimlich aufgenommen und der Times zugespielt worden war, erwies sich als Dynamit. Parteichef Michael Howard sah sich zu harter Aktion gezwungen: Der Sünder wurde aus Führungsteam und Fraktion gefeuert; er soll nicht einmal mehr fürs Unterhaus kandidieren dürfen. Mit dem drakonischen Schritt hofft Howard, dauerhaften Schaden abgewendet zu haben. Labour hatte nämlich in letzter Zeit krampfhaft versucht, die Tories als wildwütige Neoliberale vorzuführen, die vor der Wahl nur reichlich Kreide gefressen hätten. Bei den Wählern wollte die Angstmache freilich nicht so recht verfangen; gleichzeitig beginnen sie offenbar, Blairs ökonomistischer Argumentation überdrüssig zu werden – und sich nach moralischen Werten zu sehnen.

Gerade die jungen Leute sind gegen das liberale Abtreibungsrecht

Täglich aufs Neue erfährt die Regierung, wie wenig Dankbarkeit die Wähler ihr für blühende Wirtschaft und hohe Beschäftigungsrate zeigen. Der banale Labour-Slogan "Forward, not back" verkündet dabei die Wahrheit: Britannien ist dank Wachstum und wissenschaftlichem Fortschritt vorangekommen. Die Menschen haben mehr Geld, sie leben länger, sie sind gesünder, selbst ihre Umwelt ist sauberer geworden. Doch irgendetwas scheint zu fehlen.

"We don’t do God", beschied vor ein paar Jahren Alistair Campbell, Blairs mächtiger Kommunikationsdirektor, einem Journalisten, der den Premier nach seinem Glauben befragen wollte. Ein bisschen Gott ist heute nicht nur erlaubt, sondern notwendig geworden. New Labour hat begriffen, dass die quasi marxistische Annahme, die Menschen hätten nur die Maximierung ihres ökonomischen Interesses im Auge, wichtige kulturelle Schwingungen ignoriert. Amerikas Demokraten hatten dies vergessen; Labour will nicht ihr Schicksal erleiden.

In Großbritannien dringen ethische Themen immer stärker in den politischen und medialen Diskurs ein. Indizien eines beginnenden Kulturkampfes wurden sichtbar, als Kardinal Cormac O’Connor, Oberhaupt der britischen Katholiken, Abtreibung zum Wahlkampfthema erklärte. Das Versprechen von Michael Howard, im Falle seines Wahlsieges das Parlament über eine Reduzierung der Abtreibungsfrist auf 20 Wochen abstimmen zu lassen, nannte der Kirchenfürst einen "Schritt in die richtige Richtung". Den Gläubigen signalisierte er zugleich, dass sie bei Labour nicht mehr gut aufgehoben seien. Die Liberaldemokraten erklärten rasch, auch sie seien dafür, das bestehende Gesetz zu verschärfen.