Billige Arbeitskräfte oder hochqualifizierte Neueinsteiger: Früher sollten Praktikanten Berufserfahrung sammeln und das Innenleben von Unternehmen kennen lernen. Heute missbrauchen viele Unternehmen sie als billige Arbeitskräfte. Was lernen junge Leute in einem Praktikum, was können sie leisten? Einen Tag lang übernahmen die Praktikanten von ZEIT.de die Aufgaben der Redakteure. Sie planten die Themen, stellten Texte auf die Website, organisierten Autoren, schrieben selbst, verteilten ihre Praktikanten-Aufgaben an die Redakteure. Was wir erlebt, welche Erfahrungen wir gemacht haben, beschreiben wir hier:

Blattmacher Adrian Pohr

Als ich im Februar bei ZEIT.de anfing, haben mir die Augenringe von Online-Redakteur Steffen Richter mächtig imponiert. So hat man als engagierter Journalist auszusehen! Jetzt kam Steffen gut gebräunt aus dem Urlaub, und Augenringe sind mittlerweile (auch durch viele Frühschichten) in mein Gesicht getreten. Zeit also, Steffens Platz einzunehmen. Das war allerdings schwieriger als gedacht, die EDV spielte nicht mit. Da es recht früh war, sah nur unsere Technikerin Peggy, wie zwei erwachsene Männer in den Büroräumen unter Tischen herumkrabbelten und die Einschaltknöpfe von Computern suchten. Zwei Stunden später feierte ich schließlich mein Debüt als Blattmacher. Dieser Job beinhaltet vorwiegend die Gestaltung der Seite: Man legt Artikel an, positioniert sie auf der Homepage und - für den  Praktikanten besonders reizvoll - delegiert Aufgaben. Als Anfänger ist diese Arbeit ein Riesenspaß, auch wenn die permanente Geschäftigkeit schnell in Stress umzuschlagen droht - ganz zur Freude der Augenringe. Derweil erholten sich die Redakteure mit ihren Praktikantenjobs, deutlich hörbar an dem vielem Gequatsche im Hausflur. Irgendwie schaffen wir Praktikanten es normalerweise, ausgelasteter zu wirken. Aber ein Lob darf nicht fehlen an unsere Eintages-Praktis: Die an sie delegierten Aufgaben wurden pflichtbewusst und ordentlich ausgeführt. Man kann sie wieder auf ihre Redakteursplätze lassen.


Praktikant Steffen Richter

Donnerstag früh, 7.30 Uhr, Beginn der Frühschicht. Praktikant Pohr wird heute Blattmacher sein, Redakteur Richter sein Hospitant. Erst einmal muss aber die Technik bezwungen werden: Die Rechner wollen neu konfiguriert werden und reagieren dabei nicht auf die gewünschten Einstellungen. Die Technikerin muss ran. Bis das geschafft ist, vergeht Zeit, in der Neu-Praktikant Richter sich beim Blattmacher erste Themen einholt, die er bearbeiten soll. Außerdem steht noch ein Berg von Standard-Jobs an, die es abzuarbeiten gilt: Die große Linkdatenbank ist mit Einträgen zur aktuellen Druckausgabe zu pflegen, die Texte der Kooperationspartner müssen eingespielt werden und die Online-Kommentare der Leser sind zu lesen und freizugeben. Nachdem der erste Nachrichtentext abgeliefert ist, hat Praktikant Richter einen Arzttermin. Die Pause im Wartezimmer wird natürlich mit intensivem Zeitungslesen genutzt... Danach gibt es zwei neue Themen, die pünktlich beim Blattmacher abzuliefern sind. Zwischendurch findet sich auch Zeit für ein Schwätzchen mit den anderen Praktis. Und um 16 Uhr ist Schluss mit der Schicht. Der Praktikantenjob ist schon anstrengend, zum Glück gab es da die Pause im Wartezimmer.

Redakteurin Constanze Krakau

Nach den ersten Tagen Praktikantendasein bei ZEIT-Online nun schon Redakteurin – ein rasanter Karrieresprung. Allerdings nur für einen Tag: Der Tausch mit der Redakteurin für Wissen und Literatur ist reizvoll und interessant, obwohl recht viel Zeit mit administrativen Aufgaben verbracht werden muss. In der Zeit-Online-Redaktion werden Praktikanten allerdings gar nicht so richtig ausgenutzt: Anstelle von Kaffeekochen und stupider Dateneingabe ist selbstständiges Arbeiten und Texte schreiben gefordert – Tätigkeiten, die auf der Praktikantenwunschskala ganz oben angesiedelt sind. Insofern sind keine Rachegelüste abzuarbeiten und unsere Praktis werden von uns gut behandelt. Und was bietet der Rollentausch an Erkenntnis? Er verdeutlicht uns "Redakteuren für einen Tag" noch einmal das Ziel, das wir alle gern einmal erreichen wollen – ein vollwertiges Mitglied im Redaktionshimmel zu sein. Als Praktikant wird einem nur kurz die Pforte geöffnet und man kann ein bisschen himmlische Weisheit schnuppern, bevor man wieder in die raue, irdische Realität der Arbeitsplatzsuche zurückgestoßen wird – und die entspricht zur Zeit ein wenig der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Aber es ist immerhin ein gutes Zeichen, wenn die, die es "geschafft" haben, einmal den Platz mit ihren Schäfchen tauschen – das schärft das gegenseitige Problembewusstsein. Das Beispiel sollte Schule machen - Unternehmen, Organisationen und Verlage könnten es ZEIT-Online gleichtun.