Der Krieg war zwei Wochen und zwei Tage alt, da wurde am 16. September 1939 in der Zeromskistraße 13 in Radom ein schwarzhaariges Mädchen geboren und bekam den schönen Namen Eleonora. Ein paar Tage zuvor war ihre Mutter Rucza Witońska noch aufs Land nach Rajec gefahren, zwölf Kilometer entfernt. Sie hatte die Nachricht bekommen, dass ihr jüngster Bruder Zelig Zajdenweber aus einem deutschen Kriegsgefangenentransport geflüchtet war und sich in einem Sommerhaus versteckt hielt. Ein Arbeiter hatte ihm seine Eisenbahneruniform gegeben.

Zelig Zajdenweber suchte später nach den Kameraden, die mit ihm im Zug gewesen waren, aber der Vater eines Freundes schrieb ihm: Mein Sohn kann leider nicht mehr antworten, alle Kriegsgefangenen im Zug sind von den Deutschen erschossen worden.

Rucza Witońska, geborene Zajdenweber, war damals 22 Jahre alt, mit dem Kinderarzt Seweryn Witoński verheiratet und bereits Mutter eines einjährigen Sohnes, Roman. Sie waren Juden, und bald nach der Besetzung Polens wurden alle Juden in Ghettos eingewiesen.

Im Winter 1942/43 musste der Judenälteste des Ghettos Radom eine Liste der Akademiker und ihrer Angehörigen aufstellen. Es ging das Gerücht, sie sollten nach Palästina zu ihren Verwandten ausreisen. Es waren 153 Menschen: Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte und Ingenieure mit ihren Frauen und Kindern, darunter die Witońskis.

Am 21. März 1943, einem Sonntag, dem Purimfest, wurden sie auf zwei Fahrzeuge verladen. Ihnen folgten Fahrzeuge mit ukrainischen Hilfswilligen. Die Kolonne hielt vor dem jüdischen Friedhof von Szydłowiec, 30 Kilometer südwestlich von Radom. Die Hilfswilligen schlugen auf die Juden ein, damit sie auf den Friedhof liefen. Einige Juden mussten mit Schaufeln Gräber ausheben. Dann begannen die Ukrainer zu schießen. Roman und Eleonora sahen mit an, wie auch ihr Vater erschossen wurde. In Panik packte die Mutter ihre Kinder und versteckte sich hinter Grabsteinen. In dem Augenblick gaben die Deutschen das Kommando: »Feuer einstellen!« Warum, begriff niemand. Dreißig Menschen waren noch am Leben und wurden wieder nach Radom zurückgebracht. Mehr als hundert Tote blieben auf dem Friedhof von Szydłowiec.

Danach lebten die Kinder in andauernder Angst. Wurde an die Türe geklopft, sprangen sie sofort ins Bett. Ihre Mutter deckte sie vollständig zu, und sie rührten sich nicht.

Am 31. Juli 1944 wurden alle drei nach Auschwitz-Birkenau deportiert und kamen ins Familienlager. Es stand leer, zwei Tage vorher waren die ungarischen Juden vergast worden. Rucza Witońska bekam die Nummer A-15158 eintätowiert, ihre Tochter Eleonora die Nummer A-15159 und Sohn Roman die Nummer A-15160.