Wer denkt, die Hamburger Reeperbahn sei eine Schmuddelmeile und nicht in bester Verfassung, hat keine Vorstellung davon, was darunter los ist. Niemand weiß das besser als Delia Ewert. Nach gründlicher Analyse hatte die junge Bauingenieurin festgestellt: Ätzende Abwässer und die Erschütterung durch den Straßenverkehr haben die Kanalisation so marode gemacht, dass sie erneuert werden muss. Rund 1,3 Millionen Euro kostete die Sanierung unter der sündigsten Meile Deutschlands. Ein stabiler Spezialschlauch aus Nadelfilz, getränkt mit einem Kunstharz, schützt jetzt die Rohre aus dem 19. Jahrhundert.

Die Reeperbahn ist keine Ausnahme. Von den 500000 Kilometern des öffentlichen Kanalnetzes in Deutschland sind rund 17 Prozent sanierungsbedürftig, schätzt der Deutsche Verein für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). Viele Kanäle sind weit über hundert Jahre alt, die Städte hatten mit dem systematischen Bau der Kanalisation begonnen, als Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder Choleraepidemien unter den Bewohnern ausgebrochen waren. Heute sind 95 Prozent der deutschen Haushalte an das öffentliche Abwassersystem angeschlossen. Nach Berechnungen der DWA müssen die Kommunen kurz- oder mittelfristig gut 50 Milliarden Euro investieren, um ihre Abwassernetze instand zu halten. Andernfalls drohen ernste Folgen: Abwässer aus lecken Rohren verschmutzen das Trinkwasser, Straßen werden unterspült und drohen einzustürzen.

Während die Bauwirtschaft von Holzmann bis Walter Bau eine Pleite nach der anderen erlebt und die Arbeitslosenquote unter Architekten und Bauingenieuren sich seit 1996 auf über 16 Prozent glatt verdoppelt hat, warten unter der Erde gewaltige Aufgaben auf gut ausgebildete Ingenieure. "Wenn es einen Bereich gibt, der wächst, dann ist es die Kanalsanierung", sagt Rüdiger Heidebrecht, Abteilungsleiter Bildung bei der DWA. "Wir werden eine Instandhaltungsgesellschaft." Neue Straßen, Brücken und Häuser werden kaum noch gebaut. Stattdessen sind Spezialisten gefragt, die den Zustand der alten Substanz fachkundig beurteilen können und gegebenenfalls die richtigen Techniken kennen, um sie instand zu setzen.

Natürlich ist die Mischung in den Eingeweiden unserer Städte nichts für zart Besaitete, das gibt auch Heidebrecht zu. In einer Brühe aus Tausenden Duschen und Toiletten plätschern dort Damenbinden und Präservative in Richtung Kläranlage. Offenbar gibt es nichts, was die Leute nicht im Klo runterspülen. Einen Eindruck davon vermittelt das Abwasser- und Sielmuseum der Hamburger Stadtentwässerung. Über die Jahre hat es eine stattliche Sammlung von Gebissen, Büstenhaltern, Teddybären und Geburtsurkunden zusammengetragen. Die Spezialisten für Siedlungswasserbau kommen aber nur noch selten in Kontakt mit diesem Schatz. Neue Technologien haben auch ihr Berufsbild so verändert, dass sie nur noch in Ausnahmefällen in die Gummistiefel schlüpfen müssen. "Bei Kanälen, die für eine Begehung zu eng waren, hat man früher einfach an einem Ende einen Spiegel in den Schacht gehalten und am anderen Ende eine Lampe", erzählt Heidebrecht. "So hat man sich dann 50 Meter Kanal angeschaut." Heute untersuchen ferngesteuerte Roboterwagen mit einer Kamera jeden verdächtigen Zentimeter genau. Noch bis in die fünfziger Jahre wurden in Paris Pudel durch die engen Röhren gejagt, um diese zu reinigen. Eine Aufgabe, die Hochdruckstrahler heute tierfreundlicher und effizienter erledigen. Kläranlagen werden längst von Computern gesteuert. Wenn am Wochenende niemand vor Ort ist, landen die Störungsmeldungen als SMS auf dem Handy eines Technikers. Der kann dann von zu Hause aus über das Internet Pumpen einschalten und Schieber öffnen oder schließen.

Neue Technologie hat nicht nur die Überwachung und Schadensanalyse erleichtert, sie hat auch die Sanierung revolutioniert. Hat das Roboterauge bedrohliche Korrosion oder gar Risse in den Kanälen erspäht, muss heute nicht mehr unbedingt die ganze Straße aufgerissen werden, um neue Rohre zu verlegen. Im März konnten die Reeperbahn-Besucher beobachten, wie Männer in orangefarbenen Overalls einen gewaltigen Schlauch über ein Förderband in einem Kanalschacht versenkten. Solche maßgeschneiderte Hülle ist am Ende wie ein Strumpf eingestülpt und entfaltet sich Meter für Meter im Kanal, wenn die Techniker mit hohem Druck Wasser einfüllen. Schließlich wird das Wasser erhitzt, und das Kunststoffharz in der Wand der Hülle härtet aus.

"Inlining" heißt diese Form der Rohr-im-Rohr-Verlegung im Fachjargon. "Solche Verfahren werden heute an keiner Hochschule gelehrt", klagt Dietrich Stein. Bisher werde nur die offene Bauweise behandelt, obwohl man seit über zehn Jahren Rohre verlegen könne, ohne gleich ganze Straßen aufzureißen. Stein gilt unter Kollegen als der "Kanal-Papst". Bis zu seiner Emeritierung in diesem Jahr war er Inhaber des Lehrstuhls für Leitungsbau und Leitungssanierung an der Ruhr-Universität Bochum. Aus seinen Büchern zur Überwachung und Sanierung von Abwasserkanälen lernen Studenten in Japan und China. "Es gibt keine Universalverfahren zur Kanalsanierung", sagt Stein. "Je nachdem, mit welchen Materialien man es zu tun hat, in welchem Grund die Rohre liegen, wie stark der Verkehr über Tage das Erdreich erschüttert und welche Abwässer fließen, muss man die beste Technik auswählen." Ein Studium als Bauingenieur sei für diese Aufgaben zwar noch immer die wichtigste Grundlage, das Spezialwissen bekomme der Nachwuchs aber nur aus der Praxis.

Um den Bedarf zu decken, hat der DWA einen vierwöchigen Lehrgang zum zertifizierten Kanal-Sanierungs-Berater gestartet, der regelmäßig ausgebucht ist. Stein gibt sein Wissen im E-Learning-Verfahren weiter. Auf der Lernplattform unitracc.de kann jeder registrierte Nutzer virtuell in die Unterwelt eintauchen, Schäden beurteilen, Rohre verlegen und Inliner-Schläuche einziehen.

Der Sanierungsbedarf in der Unterwelt sei zwar groß, doch viele Kommunen schöben die enormen Kosten vor sich her, kritisiert Stein. "Die arbeiten nach dem Feuerwehrprinzip: Es wird nur was unternommen, wenn es irgendwo brennt." Doch selbst wenn das Geld da wäre, ließen sich die Schäden nicht von heute auf morgen beheben. "Wir haben gar nicht die Kapazitäten für eine Aufgabe in diesem Ausmaß", sagt Stein. Einige Kommunen haben inzwischen aufgeholt und können vorausplanen, statt nur auf Notfälle zu reagieren. Doch damit ist der Fall nicht erledigt. "Bei 5400 Kilometern Kanalnetz in Hamburg kann man einmal durchsanieren und gleich wieder von vorne anfangen", sagt Delia Ewert von der Hamburger Stadtentwässerung.