Architektur
Kometeneinschlag im Hühnerhof
Neue Formen für die Neue Musik: In Porto hat der Architekt Rem Koolhaas ein abenteuerliches Konzerthaus gebaut
Immer wieder sagt der Architekt Rem Koolhaas, er sei kein Architekt. Nichts habe er zu schaffen mit dem Herumdoktern an der Fassade, dem Polieren der Oberfläche, dem Feilschen ums feine Detail. Er will kein Geschmacks-, sondern ein Stadtverstärker sein, ein der die hässliche Wirklichkeit der Vorstädte, Flughäfen, Einkaufszentren nicht hinter funkelnden Kulissen verbirgt. Das Bohei seiner Kollegen Frank Gehry oder Zaha Hadid war ihm immer suspekt, er wollte kein Gott der Bau-Ikonen sein. Und ist nun genau das geworden.
Mitten in Porto, der schrundigen Stadt im Norden Portugals, hat er einen gewaltigen Kristall herabstürzen lassen, so rein und makellos, als käme er aus einer anderen Welt. Er beschämt seine Umgebung: den Hökerer, der gegenüber mit Gartenschläuchen und Bratpfannen sein Geschäft macht. Die Arbeiter, die nur eine Querstraße entfernt in winzigen Hütten leben, eng und faulig wie in den Favelas Südamerikas. Die Kleingärtner, die zwischen Gestrüpp und Müll ihre Hühner und Rüben ziehen. Das Großartige, Stolze ist in ihr Quartier gezogen – und lässt die Armut noch ärmlicher erscheinen. Plötzlich rollen überall Bagger, wunderbare Gründerzeithäuser werden zeilenweise niedergemacht. Es regieren die Spekulanten.
Und plötzlich klingt Koolhaas zynisch: Er habe für die Stadt bauen wollen, für das öffentliche Leben. Seine Casa da Música sollte das Konzerthaus neu erfinden, nicht elitär sein, sondern einladend. Doch schon der weite, aufgeräumte Platz mit edlen Travertinplatten entrückt den Neubau dem Alltäglichen. Trotz der weiten Fenster, die hier und da in den mächtigen Körper hineingeschnitten sind, wirkt er abweisend. Er gehorcht den Prinzipien seiner harten Form, erlaubt sich keinen Erker, keine Rundung. Wer hineinwill, muss erst eine steile hohe Treppe hinauf, deren Stufen nachts neongrell leuchten – als sei hier ein Raumschiff gelandet, das kurz einmal seine Gangway ausgeklappt hat.
Viele freilich fühlen sich auch angezogen von dieser fremden Architektur, die alles schief und schräg stellt, werfen einen Blick durch die Fenster im Erdgeschoss, wo die Musiker ihre Kantine haben und die Verwalter ihre Büros. Wer nah herantritt, sieht in den gekippten Scheiben die sich spiegelnde Stadt. Plötzlich rasen die Autos himmelwärts.
Alle Blicke gehen auf den großen Saal. Er verdient die Aufmerksamkeit nicht
Die eigentlichen Abenteuer dieses Baus warten aber im Inneren. Dort löst sich alles Strenge auf, es beginnt ein Spiel taumelnder Körper. Kaum hat der Besucher, noch blinzelnd, die Eingangsluke passiert, schaut er in eine jähe Schlucht aus Treppen und Tunneln, düster geheimnisvoll wie in den Kerkerbildern Piranesis. Eine Verlockung, hinaufzusteigen in das Unvertraute, in die Winkel, Schläuche und Gelasse, zu erfahren, wohin uns diese Architektur entführt. Außen war sie ganz Form, innen ist sie ganz Raum. Und der Stadt, die hier so fern scheint, mit einem Mal doch wesensnah.
Denn auch Porto ist eine Irreführung: unberechenbar im Auf und Ab, gebaut auf den Uferfelsen des Douro, durchzogen von steilen Treppen. Das Wildromantische der Stufenstadt hat Koolhaas abgekühlt hineingeholt in seine Casa da Música. Seine travessas , seine Gassen, haben Aluminiumböden, hinter halbtransparenten Plastikwänden leuchten Neonröhren. Erst in den Pausenfoyers und auf den Dachterrassen ändert sich die Atmosphäre schlagartig– und spielt erneut mit Portos Traditionen.
Viele Haus- und Kirchenfassaden sind hier mit bunten Kacheln dekoriert, ein Außenschmuck, den Koolhaas ins Innere wendet: ein Pausenraum, ganz in Rot und Grün gefliest; der grandiose Austritt des Restaurants, gefasst in Schwarz und Weiß. Im Kabinett für die Prominenten wird die kühle Koolhaas-Moderne sogar nostalgisch-dekorativ und schmückt die Wände mit blau-weißen Kacheln, die barocke Fürsten- und Musikeridyllen kopieren. Lauter Wunderkammern, die durch ihre Materialien verblüffen oder durch eine räumliche Extravaganz. Sie steigert sich bis zur spektakulären Glasbrücke, aufgehängt zwischen Stadt und Konzertsaal, bestückt mit einer langen eisblockähnlichen Bar. Hier wird es besonders stark, das Gefühl des Zwischendrin. Nie kommt man an in diesem Haus, oft wird man verlockt zum Quer- und Ausblick – und steht dann an den Scheiben wie vor gewaltigen Schaufenstern, nicht wissend, was hier eigentlich ausgestellt wird: der Konzertbesucher oder das Elend draußen. Ergötzt sich Koolhaas an den Gegensätzen, oder mokiert er sich über sie?
Ihm kommt es wohl auf das Wechselspiel an: Sein Haus ordnet nicht, sondern verwirrt. Mit seinen Spiralräumen stellt es Verbindungen her, doch nichts Verbindliches. Er schafft viele Durchlässe, doch auch diese verunklären unsere Wahrnehmung: durch Lochbleche spähen wir hinein in die Sphäre der Musiker, ihre Proberäume und Treppenhäuser. Durch wellenförmige, das Auge mächtig irritierende Glasscheiben sehen wir hinein in den Konzertsaal, ein unscharfer Einblick.
Der Kindersaal, das Cybergelände für die Experimentalmusik, der kleine Konzertraum, die Prominentenkammer – sie alle haben einen solchen Wellendurchblick in die Mitte des Hauses. Sie inszenieren den großen Konzertsaal als zentrales Geheimnis – dabei ist er die eigentliche Enttäuschung der Casa da Música. Während das Drumherum so wirkt, als wolle die Architektur etwas ungeheuer Gewagtes präludieren, einstimmen auf Musik voller Klippen und Abgründe, erzählt der schuhkartonförmige Hauptsaal von der Tradition. Dies sei nun einmal die beste denkbare Form für Konzerte, sagt die Koolhaas-Partnerin Ellen van Loon. Lange habe ihr Büro herumgeforscht, nur um am Ende doch dem alten Vorbild von 1870 zu folgen, dem Musikvereinssaal in Wien. Sogar auf dessen Goldenen Ton scheint das Musikhaus in Porto zu verweisen, mit breiten Streifen aus Echtgold, die den hellen Holzpaneelen der Wände aufgelegt wurden.
So kann man über die vielen Riesenfenster des Saals staunen, musikalisch aber bietet er nur wenig Spielräume. Fern sind jene Experimente, wie sie Le Corbusier mit dem Komponisten Iannis Xenakis in Brüssel vollführte. Hätte Koolhaas neue architektonische Formen für die Bedürfnisse der Neuen Musik gefunden, für die Raumwanderungen eines Luigi Nono oder das verschachtelte Komponieren eines Claus-Steffen Mahnkopf – man hätte ihn feiern können. So aber wirken seine großartigen Streifzüge in die Komplexität des Räumlichen geradezu selbstgefällig – als sei die Architektur das aufregendste Instrument von allen. Ähnlich formelhaft fremd wie die Beziehung des Hauses zur Stadt ist auch das Verhältnis zur Musik.
Vielen in Porto ist das allerdings egal, sie schwärmen vom Bilbao Portugals. Noch auf der Baustelle gab es die ersten klassischen Konzerte, groß war das Lob für die Akustik – obwohl noch nicht mal alle Fenster eingebaut waren. Das Ereignis ist alles. Mit Fado und Jazz, mit Brendel und Lou Reed wird die Casa da Música kommende Woche eingeweiht. Am lautesten aber wird Rem Koolhaas spielen.
- Datum 28.4.2009 - 16:13 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.04.2005 Nr.15
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