gesellschaft Gottloses Europa

Kirchenaustritte, verlassene Kathedralen, zu wenig Priester: Die christlichen Religionen haben Konkurrenz bekommen – vom Staat, der sogar die Seelsorge übernimmt

Das Sterben des Papstes hat Abermillionen von Europäern in den Bann geschlagen – als gehörten sie alle zur Una Sancta. Unvorstellbar aber, dass ein deutscher Kanzler seine Ansprache mit »Gott segne Deutschland« beschließt. Auf der anderen Seite des Ozeans, im gläubigsten Land des Westens, ist » rhetorische Routine, und nicht nur bei George W. Bush, dem Europäer unterstellen, er folge Stimmen im Kopf wie einst Johanna von Orleans.

Im heutigen Deutschland, berichtet die Süddeutsche Zeitung, ist das Schröder-Kabinett das erste, das beim Amtseid mehrheitlich auf die Schlussformel »So wahr mir Gott helfe« verzichtet habe. 30 Prozent aller Kirchen müssten geschlossen oder abgerissen werden, melden aufgeregte Funktionäre. In Westdeutschland hat die evangelische Kirche zwischen 1970 und 1990 drei Millionen Mitglieder verloren; im ersten Jahrzehnt nach der Wende wurden ihr noch einmal fast drei Millionen untreu. Bei den Katholiken war der Abfall weniger dramatisch: etwas mehr als zwei Millionen seit 1970. Nimmt man die Ex-DDR hinzu, stürzen die Kurven noch steiler ab. Im vergangenen Halbjahrhundert ist die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche von 60 auf knapp über 30 Prozent der Gesamtbevölkerung gefallen; bei den Katholiken ist der Anteil nur sanft abgesunken: von den oberen in die unteren Dreißiger. Mit der Kirchensteuer, die man gern abschüttele, wenn es auf dem Konto zu eng werde, lässt sich dieser langfristige Trend nicht erklären, sind wir doch heute vielfach reicher als zu Beginn des Wirtschaftswunders. Das Phänomen ist die Säkularisierung oder, ungnädiger ausgedrückt, die schleichende »Entchristianisierung« nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas. Die Soziologen zeigen alsgleich auf den Hauptschuldigen: die Urbanisierung. Sie habe die Menschen von ihren heimeligen Sprengeln, wo die Kirche im Zentrum des Lebens stand, in die Arme des Molochs Großstadt getrieben, wo die Bindungen schwänden und andere Götter winkten. Diese thronten in den Tempeln des Konsums oder Kirchen der Zerstreuung: vom Fußballstadion bis zum Feriendorf. Überdies sei die Konkurrenz stärker geworden: Buddhismus, New Age, Feng-Shui – oder wie die Esoterik des Monats gerade heißt.

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Aus komparativer Sicht greifen solche Erklärungen nicht. Denn: Amerika ist ähnlich urbanisiert wie Europa, auch laufen dort mindestens so viele Esoteriker durchs Land, und doch bleiben die USA im wahrsten Sinne des Wortes God’s Own Country – das gilt für Christen, Juden und Muslime. Überdies ist die Esoterik-Theorie die schwächste von allen: Es gibt einfach nicht genug Kristall- und Pendelverehrer, um den millionenfachen Abfall vom Deismus zu erkären. Großtheorien wie »Säkularisierung« haben den Nachteil, dass sie im Kern tautologisch sind: Verweltlichung ist nur ein anderes Wort für Entchristlichung. Dürre Zahlen haben dagegen den Vorteil, dass sie ein halbwegs präzises Bild ergeben, wiewohl die diversen Umfragen nicht immer das Gleiche zeichnen. Wie sieht es aus?

Eine große Gallup-Umfrage (Millennium Study) in 60 Ländern malt vorweg in hellen Farben: Europäer und Amerikaner tun fast gleichrangig kund, dass sie irgendeiner Glaubensrichtung (denomination) angehören (Westeuropa: 84, USA 91 Prozent). Doch dann beginnt’s zu klaffen – und zwar zwischen »Zugehörigkeit« und »Mitmachen«. In Osteuropa gehen gerade mal 14 Prozent regelmäßig zum Gottesdienst (»Einmal oder mehr pro Woche«). In Westeuropa ist es genau ein Fünftel, in Amerika knapp die Hälfte. Andere Studien zeichnen ähnliche Konturen. Nur ein Viertel aller Deutschen meldet, wenigstens einmal im Monat eine Kirche zu besuchen; in Amerika ist es mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Dabei schneiden die Deutschen im Vergleich zu ihren katholischen Freunden in Frankreich noch ganz gut ab. Deren Gottesdienstquote liegt bei 17 Prozent. Die Briten sind gleichauf mit den Deutschen, die Holländer mit 31 Prozent etwas aktiver.

Wird Europa gar gottlos? In Skandinavien gibt rund die Hälfte zu, dass Gott ihr nichts bedeutet; in Schweden sind es noch mehr: 55 Prozent. In den USA dagegen bezeichnen vier Fünftel Gott »als sehr wichtig«. Warum?

Klar ist bloß die Kluft zwischen den beiden Antipoden des Westens, bei der Antwort mag ein jeder selber spekulieren. Wer’s ökonomistisch mag, muss die unterschiedlichen Entwicklungen des Wohlfahrtsstaates betrachten. Der ist in Europa sehr viel reicher als in den USA – hier wird etwa ein Drittel des Sozialprodukts für den Sozialtransfer ausgegeben, vor 50, 60 Jahren war es nur die Hälfte, etwa 17 Prozent. Damit ist der Staat in heftige Konkurrenz zur Kirche getreten, dem einstigen Hauptproduzenten von Sozialleistungen: Schule, Krankenhaus, Armenhilfe, Seelsorge, Ferienlager. Gegen die staatliche Fürsorge kann die Kirche nur noch im Kleinen konkurrieren, selbst die »Seelsorge« wird säkularisiert durch staatlich bestallte oder kassenfinanzierte Psycho-Arbeiter. In dem Maße, wie die »helfende Klasse« expandiert, schrumpft die Nachfrage nach kirchlicher Betreuung, wächst die Zahl der Austritte. In diesem Sinne mag der »katholische« – also »allumfassende« – Staat in seinem Wohlwollen der schlimmste Feind der Kirche sein. Die progressiveren Teile der Kirche sind im Gegenzug in den Markt der Politik vorgestoßen; sie tummeln sich auf Gebieten jenseits ihres klassischen Kerngeschäftes: vom Umweltschutz über Ausländerpolitik bis zur Streikunterstützung. Offensichtlich aber funktioniert die Angebotserweiterung nicht, wie die Statistiken zeigen.

Wenn diese Erklärung stimmt, ist der allumfassende Staat auch der ungewollte Kulturfeind. Bis vor ein, zwei Generationen war die Bibel das Band zwischen Klassen, Völkern und Generationen. Sie war Teil des kollektiven Gedächtnisses. Hält die Entchristianisierung an, werden wir bald ein Viertel der westlichen Literatur, die Hälfte westlicher Kunst nicht mehr verstehen. Und werden uns am Kopf kratzen, wenn das Kind fragt: »Sag mal, wie war das mit Joseph und seinen Brüdern?« Oder beim Moses von Michelangelo: »Wer ist dieser Bärtige mit dem Hörnern auf der Stirn?«

 
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