debatte Wie die Nazis ihr Volk kauftenSeite 3/3

Die Beispiele für solche sozialtaktischen Entscheidungen der Gefälligkeitsdiktatur sind Legion. Doch Wehler scheint entschlossen, an der von ihm behaupteten zentralen Bedeutung des Führerkults festzuhalten. Er tut sich schwer damit, politische Dynamiken adäquat zu analysieren. Aber die Historiografie einer Zeit, in der sich unvergleichlich starke Energien entluden und die durch ein extrem hohes geschichtliches Tempo gekennzeichnet ist, kann nicht so betrieben werden, als handle es sich um ein Wachsfigurenkabinett oder um das Anordnen von Zinnsoldaten. Alle Beteiligten handelten fortgesetzt und reagierten fortgesetzt aufeinander. Deshalb ist es für die innere Stabilität 1942 wenig interessant, wie die Deutschen zehn Jahre zuvor wählten. Die von Wehler behauptete konstante, allein ideologisch fundierte »freiwillige Loyalität« findet sich in den Quellen nicht, aber das Gegenstück bildet selbstverständlich auch nicht die terroristisch erzwungene Loyalität. Vielmehr musste die NS-Führung im permanenten Kampf um die öffentliche Stimmung, unter ständigem Schielen auf das innenpolitische Politbarometer die allgemeine Unterstützung immer wieder neu erringen.

Aus demselben Grund sind auch die Einwendungen unerheblich, die der britische Wirtschaftshistoriker J. Adam Tooze erhoben hat. In der mit ihm geführten, eher marginalen Auseinandersetzung geht es um die Frage der deutschen Kriegsschulden. Ich sage, die laufenden Einnahmen für den außerordentlichen Kriegshaushalt des Reiches seien zu zwei Dritteln aus den Kontributionen der eroberten Länder, den konfiszierten Löhnen der Zwangsarbeiter und dem Eigentum der europäischen Juden bezahlt worden. Demgegenüber insistiert Tooze auf den (nach der Niederlage) faktischen Kriegsausgaben, die zu rund 50 Prozent auf Kreditbasis finanziert wurden. Dadurch wird der deutsche Anteil natürlich deutlich höher. Was die Zahlen betrifft, besteht zwischen uns keine nennenswerte Differenz, ich halte aber die Einbeziehung der Reichsschuld für falsch, wenn man die Erfolge des Stimmungspolitikers Hitler analysiert. Damals wie heute interessieren sich die Leute für die Staatsschulden nur am Rande, aber sie schreien auf, wenn ihnen plötzlich die Steuern um 10 oder gar um 50 Prozent erhöht werden. Darauf kommt es in meiner Analyse an. Sie handelt vom spekulativen Zusammenspiel zwischen Volk und Führung und nicht von den nach der Niederlage fälligen Kriegskosten.

Anzeige

Gegen Tooze lässt sich im Übrigen gut mit Wehler argumentieren. In seiner Gesellschaftsgeschichte steht: Die deutsche Politik sei seit 1939 »ohne jede verantwortungsbewusste Kalkulation auf die fixe Idee fixiert« gewesen, »später die Lasten auf die besiegten Staaten abwälzen zu können«. Genau deshalb spreche ich von den Reichsschulden unter der Kapitelüberschrift Virtuelle Kriegsschulden, schließlich erklärte die Staatsführung ihrem Volk immer wieder: Die Kriegskredite seien durch das »gewaltige Sachvermögen« gedeckt, das in Osteuropa erobert worden sei.

Gefreut hat mich der Vorwurf, den Wehler gegen mein Gesamtwerk erhebt. Alys »Interpretation des Massenmords schwankt freilich«, meint er im Hinblick auf andere von mir (mit)verfasste Bücher. Das heißt aber nur: Wir arbeiten eben nach verschiedenen Prinzipien. Während Wehler meint, über eine »erklärungskräftige Interpretation« zu verfügen, bevorzuge ich den Perspektivwechsel, arbeite an einem Zyklus und lasse mich, auch das ein erheblicher Unterschied, gerne von Quellen im Archiv überraschen. Mal gilt es, die Vordenker der Vernichtung zu betrachten, dann das Schicksal eines ermordeten jüdischen Mädchens, die Politik der ethnischen Säuberung, die Deportation der ungarischen Juden oder nun die Gefälligkeitsdiktatur. Aus allem zusammen ergibt sich ein multiperspektivisches Bild. Es ist verwirrend und nicht so plakativ wie die begrifflich eindimensionalen Produktionen, die andere bevorzugen. In dieses vielschichtige Bild gehören auch die analytischen Einsichten vieler anderer, gewiss auch der »charismatische Führer«, aber deutlich kleiner und nicht alles andere überblendend, wie Hans-Ulrich Wehler sich das vorstellt.

Götz Alys Buch »Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus«, erschienen im März bei S. Fischer, liegt in der vierten Auflage vor und wird in fünf Sprachen übersetzt. Der Autor, 1947 in Heidelberg geboren, ist derzeit Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt am Main

 
Service