DIE ZEIT: Herr Außenminister, Sie haben in der Visa-Frage zwei Jahre lang Fehler gemacht. Was waren die Gründe für Ihr Fehlverhalten?

Joschka Fischer: Garantiert war es nicht weltfremde Ideologie. Das gilt auch für die Grünen. Wir wollten und wollen ein weltoffenes und reisefreundliches Deutschland, aber im Rahmen der geltenden Gesetze und unter Beachtung der Sicherheitsanforderungen. Darüber hinaus hat der 11. September natürlich für jedermann eine völlig neue Orientierung gebracht. Was wir seitdem nicht nur im Bereich Visa, sondern auch an Sicherheitsgesetzen in dieser Koalition verabschiedet haben, brachte uns gleichzeitig den Vorwurf ein, wir hätten Bürgerrechte aufgegeben. Dieser Vorwurf ist seit dem Untersuchungsausschuss allerdings merkwürdig erstorben. Mein Fehler war, dass ich zu sehr darauf vertraut habe, dass das, was die Vorgängerregierung an Reiseerleichterungen eingeführt hatte, einfach fortgesetzt und fortentwickelt werden könne. Kiew war die letzte Phase eines Reisedruckaufbaus in Richtung Westen, der schon mit dem Fall der Mauer begonnen hat. Wir sprechen von einem Zeitraum von etwa zwei Jahren in der vorangegangenen Legislaturperiode, in denen vor allem in Kiew Missstände auftraten. Diese wurden aber lange vor dem Verfahren in Köln und dem Untersuchungsausschuss abgestellt. Zusammenhänge mit gegenwärtiger Arbeitslosigkeit oder wirklich belastbare Daten aus der Kriminalitätsstatistik liegen kaum vor, die Skandalisierung und das Schüren von Ängsten durch die Opposition sind also purer Wahlkampf.

ZEIT: Nicht viel falsch gemacht also?

Fischer: Meine Fehler habe ich trotzdem klar benannt: Was ich mir selbst vorhalte und vorhalten lassen muss, ist, nicht umfassend, entschlossen und schnell genug eingegriffen zu haben, vor allem, was die Situation in Kiew in den Jahren 2000 bis 2002 angeht. Ich hatte das, wie man so schön sagt, nicht in der Intensität auf dem Radarschirm, wie ich das eigentlich hätte haben müssen.

ZEIT: Warum nicht?

Fischer: Mein Fehler lag darin, dass ich zunächst auf diese Kontinuität der Instrumente vertraut und dann nicht schnell genug eingegriffen habe, als die Zahl der Missbrauchsfälle insbesondere in Kiew erheblich zunahm.

ZEIT: Hatten Sie zu viel anderes zu tun?