Am frühen Morgen vor dem King David Hotel in Jerusalem. Kaum Gerede, konzentrierte Stimmung in der Gruppe, Aufbruch nach Süden, in Richtung Hebron, tief in das Westjordanland hinein. Neev, ein Endzwanziger mit Dreadlocks, erzählt, er sei als israelischer Soldat im Libanon-Krieg gewesen. Sein Jeep sei auf eine Landmine gefahren, blutüberströmt habe er zwischen Wrackteilen und halb toten Kameraden gelegen. Plötzlich habe sein Mobiltelefon geklingelt – seine Schwester aus London, die ihn bloß fragen wollte, wie es ihm so gehe. "Da ist mir klar geworden, dass hier etwas nicht stimmt", sagt Neev. "Seitdem versuche ich, etwas gegen den Wahnsinn hier zu tun."

Er hat sich Taayush angeschlossen, einer kleinen israelischen Friedensinitiative; der Name ist Arabisch und bedeutet "Koexistenz". Die meisten Aktivisten sind jung und lieben das Abenteuer, sonst würden sie den Ausflug in die abgeschiedenen Berge um Hebron nicht mitmachen. Kaum jemand in Israel kennt Taayush – Ziel ist nicht so sehr die Beeinflussung der israelischen Öffentlichkeit als vielmehr direkte Hilfe für Menschen, die unter der Besatzung leiden. "Für die meisten Israelis sind Aktionen für den Frieden ohnehin kein Thema mehr", sagt Neev. "Die Selbstmordattentate haben die Friedensbewegung enorm geschwächt. Derzeit engagieren sich nur noch die Verrückten – Leute wie wir."

Seit Monaten hält Taayush Kontakt zu den Menschen, die südöstlich von Hebron in bitterer Armut leben. Immer wieder gibt es in der Gegend Ärger mit jüdischen Siedlern, die glauben, die Bibel gäbe ihnen ein Anrecht auf dieses Land. Wenn der Streit eskaliert, ruft einer der Dorfbewohner die Leute von Taayush per Telefon zu Hilfe. So auch diesmal. Die Bauern hatten versucht, ihre Felder zu pflügen – bis sie von den Siedlern mit Baseballschlägern vertrieben wurden.

Als wir das Dorf erreichen, bläst der Wind scharf und lässt die Blätter der Olivenbäume rascheln. Die Behausungen der Bauern sind in den kargen Felsen gehauen, Strom oder Kanalisation gibt es nicht. Esra, der Anführer der Aktivisten, bittet alle, beisammen zu bleiben: Die Gruppe soll als menschlicher Puffer agieren, um die Bauern vor den Siedlern zu schützen. Entschlossen setzt sich der kleine Trupp in Bewegung.

Auf der Hügelkuppe zeichnen sich Militär- und Polizeijeeps ab. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sowie ein bärtiger Siedler mit Maschinenpistole plaudern miteinander. In der Ebene liegt das ungepflügte Feld. Die Bauern sitzen auf dem Boden, ein klappriger Traktor steht bereit. Was wir hier zu suchen hätten, will der Kommandant der Armee-Einheit wissen. "Taayush schützt die Bauern beim Pflügen ihres Landes vor Angriffen der militanten Siedler", sagt Esra. Das Areal sei aber militärische Sicherheitszone, erklärt der Kommandant, jedenfalls heute, Pflügen nicht gestattet.

"Die Siedler versuchen, die Bauern aus der Gegend zu vertreiben, um sich deren Land anzueignen und ihre Siedlung zu vergrößern", erklärt Amiel Vardi, einer der Aktivisten, der an der Hebräischen Universität in Jerusalem Latein und Griechisch lehrt. "Sie machen den Einheimischen das Leben so schwer wie möglich, zerstören, meist mit Hilfe der Armee, die Felder. Unten im Dorf wurden neulich endlich Toiletten installiert; kurz darauf kam die Armee mit einem Helikopter und hat sie zerstört." Das lokale Stromsystem, finanziert von der norwegischen Regierung, funktioniert immer noch nicht – Israel verweigert die Betriebsgenehmigung. Brunnen wurden einfach zugeschüttet. Mittlerweile müssen die Bauern ihr Wasser mit dem Laster aus dem nächsten Dorf herbringen. "Die Siedler hoffen", sagt Vardi, "dass die Bauern irgendwann aufgeben und wegziehen. Doch die meisten können sich ein Leben woanders nicht vorstellen."

Ist sein Einsatz sinnvoll? Vardi denkt lange nach: "Kant hat in Über den ewigen Frieden geschrieben, dass der Zustand des Friedens zwischen den Menschen nicht natürlich sei, sondern hergestellt werden müsse. Wir geben den Bauern Hoffnung. Es sind Nachkommen von Familien, die sich um 1830 an diesem Fleck angesiedelt haben. Für mich ist es elementar, dass sie hier bleiben können. Ich will nicht in einem Land leben, in dem solche Menschen vertrieben werden."