DIE ZEIT: Herr Bredekamp, Ihnen wird in diesen Tagen der Aby M. Warburg-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg überreicht, die wohl nobelste Auszeichnung, die es für einen Kunsthistoriker gibt. Sie sind seit langem mit dem Werk von Warburg vertraut. Das Hantieren mit dem Namen des legendären Hamburger Kunst- und Kulturhistorikers ist aber auch eine Mode geworden. Was haben Sie von Warburg gelernt, und was kann man heute noch von ihm lernen?

Horst Bredekamp: Ich halte nichts von Denkmalskult. Insofern habe ich die Warburg-Industrie, die in gewisser Weise den Benjamin-Kult abgelöst hat, nicht immer als produktiv empfunden. Es bleibt jenseits der Warburg-Mode aber ein Kern, der bis heute einen Anspruch zu formulieren vermag, wie man mit Bildern umgehen kann. Warburg, um es auf zwei Punkte zuzuspitzen, zeichnet sich dadurch aus, dass er das gesamte Feld der Bilder von der Briefmarke bis zur Primavera Botticellis in den Gegenstandsbereich einer Kunstgeschichte stellt, die sich als Bildwissenschaft definiert. Und zweitens, dass er Bildenergieforschung betrieben hat, also die Form als einen Ausdruck und zugleich Träger von politischen, psychischen, kulturellen Energien begriffen hat. Dies sind die beiden Quellen, die ihn für mich bis heute zu einer Art Vorbild machen.

ZEIT: Was heißt Bildenergien in diesem Zusammenhang?

Bredekamp: Der wichtigste Begriff, der mit diesem Feld verbunden werden kann, ist die Pathos-Formel. Die Pathos-Formel begründet im Verständnis von Warburg die Möglichkeit, nicht zu bewältigende, zerstörerische Energien des Psychischen und Sozialen durch visuelle Formen zu entäußern und damit beherrschbar zu machen.

ZEIT: Kann man das so verstehen, dass Bilder diese Energien psychischer oder sozialer Konflikte in erster Linie reflektieren oder auch neutralisieren?

Bredekamp: Warburg entschärft Bilder nicht, sondern nimmt sie als aktive Posten wahr. Er hat dies vielleicht am klarsten in seinem Bericht über den Tanz der Hopi-Indianer beim Schlangenritual ausgedrückt. Bilder der Schlangen und Bildgesten schaffen eine Distanz, die es schließlich ermöglicht, die Giftschlange furchtlos in den Mund zu nehmen. Dies ist der Moment einer bildenergetischen Bewältigung von tödlicher Naturangst. Indem die Angst distanziert wird, entsteht Kultur.

ZEIT: Wenn man von Bildwissenschaft redet, ist damit eine Entgrenzung der klassischen Kunstgeschichtsschreibung und Kunsttheorie gemeint? Sie haben vor Jahren gesagt, dass die Dominanz der Sprache durch die Hegemonie der Bilder abgelöst sei, auch das Wort von der Bildwissenschaft ist mit Ihrem Namen verbunden. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass die Erweiterung des kunsthistorischen Terrains auch eine Erosion zur Folge hatte.