Paul* hat kein eigenes Fahrrad, und Marie* fährt nicht in den Urlaub. Zwei Kinder, eine Gemeinsamkeit: Ihre Eltern haben nur halb so viel Geld im Monat wie ein deutscher Durchschnittsbürger. Damit gelten sie als »arm« – zwei von rund 1,5 Millionen Kindern in Deutschland, die gemeint sind, wenn von Kinderarmut gesprochen wird. Paul und Marie sind nicht obdachlos. Sie sehen nicht verlottert aus. Aber sie sind benachteiligt – ganz einfach deshalb, weil sie weniger haben als die meisten anderen Kinder in der Republik.

»Kindheit in Deutschland«, sagte noch 1998 die damalige Bundesfamilienministerin Claudia Nolte (CDU), »ist eine gute Kindheit.« Ihr Parteikollege Friedrich Bohl hielt es gar für »unverantwortlich«, überhaupt von Kinderarmut in Deutschland zu sprechen. Inzwischen hat sich die öffentliche Wahrnehmung gewandelt. Kurz vor seinem Amtsantritt wies Bundespräsident Horst Köhler auf die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in Deutschland hin. Die verschärfe auch die Kinderarmut.

Wenn eine vierköpfige Familie ihre Miete bezahlt hat und dann über weniger als 1500 Euro monatlich verfügt, lebt sie nach hiesiger Definition in Armut. Der Anteil der Kinder, auf die das zutrifft, ist in den vergangenen Jahren in Deutschland stärker gestiegen als in fast allen anderen Industrienationen. Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef wächst heute mehr als jedes zehnte Kind in Deutschland in einem armen Haushalt auf. In Dänemark sind es nur 2,4 Prozent.

»Anders als in der Dritten Welt geht es bei uns nicht ums physische Überleben«, sagt Karl August Chassé, Sozialwesen-Professor an der Universität Jena. »Aber die Auswirkungen für die Kinder können so massiv sein, dass ihre Lebenschancen erheblich beeinträchtigt werden.«

Die Armut wohnt in Hamburg-Rahlstedt. Marie Rolfs* ist vier Jahre alt. Mit ihrer Zwillingsschwester Petra*, ihrem achtjährigen Bruder und ihrer Mutter Sabine* wohnt sie in einer Dreizimmerwohnung in Rahlstedt am östlichen Hamburger Stadtrand: etwas beengt, aber sicher nicht das, was man sich unter »Armut« vorstellt. Dies ist keine Sozialwohnung. Sabine Rolfs hat eine Teilzeitstelle als Betriebshelferin in einer Schule und verdient ihr eigenes Geld. Ihr Mann, mit dem sie sich zuvor einen Hausmeisterjob und das zugehörige Einzelhaus geteilt hat, kam vor eineinhalb Jahren einfach nicht mehr nach Hause und ließ sie mit den Kindern zurück. Wenn sie die Miete für die Wohnung abzieht, bleiben ihr und ihren drei Kindern 870 Euro zum Leben. Das bedeutet: kein Geld für den Zoo, kein Geld für Urlaub, wenig Geld für Kleidung.

Die Erscheinungsformen der Armut haben sich in den vergangenen 25 Jahren verändert. Kinder sind seither die Hauptbetroffenen – »Infantilisierung« der Armut nannte das der Frankfurter Ökonom Richard Hauser schon vor zehn Jahren. Noch 1980 waren Rentnerinnen die größte Gruppe der Einkommensschwachen, heute trifft es durch die hohe Arbeitslosigkeit mehr und mehr Familien.

Sabine Rolfs aus Hamburg-Rahlstedt ist erst seit kurzem arm. Von ihren Kindern hält sie ihre Sorgen fern. Sie müssen nicht hungern, aber als Marie und Petra neulich Butter in den Kindergarten mitbringen sollten, ging das nur, weil die Bank ihrer Mutter 20 Euro Vorauszahlung gewährte. Noch erleben die Kinder den Druck einer vom Konsum geprägten Welt nicht. Aber Geschenke werden bei Kindergeburtstagen schon erwartet. »Ein Kind hatte im Spielzeugladen eine Wunschliste hinterlegt. Ich war froh, dass noch ein Aufziehauto für 3,50 Euro zu vergeben war«, berichtet Rolfs.

Kinder können in armen Familien leben, aber es ist schwer, dort den vier großen Gefahren zu entgehen: einer eingeschränkten materiellen Grundversorgung, verminderten Bildungschancen, schlechterer Gesundheit und geringerer sozialer Teilhabe.

Arme Kinder erleben eine dieser vier Lebenslagen deutlich häufiger als andere, sagt die Wissenschaftlerin Gerda Holz vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Vor einigen Jahren wurden 40 Prozent der armen Sechsjährigen, aber nur 15 Prozent der nichtarmen mangelhaft ernährt, waren schlecht gekleidet oder lebten in einer kleinen Wohnung. Bis heute hat sich die Spaltung verschärft: Unterversorgung bei der Hälfte der armen, aber nur jedem elften nichtarmen Kind.

Die Armut wohnt in Hamburg-Lurup. Lurup ist ein sozialer Brennpunkt der Hansestadt, ein Vorort mit Einzelhäusern, aber auch vielen Wohnblocks im Westen der Stadt. Hier lebt Paul K.*. Er hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, und geht daher auf eine Förderschule. Aufgewachsen ist er mit seinen zwei Brüdern und den Eltern in einer Zweizimmerwohnung. Seine Mutter lebt seit 19 Jahren von Sozialhilfe, seit sie erstmals schwanger wurde und den Hauptschulabschluss nicht gemacht hat. Armut heißt hier – geringe Bildungschancen.