Roman Vor Capri gescheitert

Peter Schneider schickt sein Personal in die Grotte der Bedeutungslosigkeit

Nicht nur Achtundsechziger beschleicht gelegentlich das Gefühl, sich selbst fremd geworden zu sein. Im Unreinen mit sich leben inzwischen auch die Jüngeren, denen angeblich die Zukunft gehört. Aber die Zukunft ist nichts, was man sich einfach greift, zumal dann nicht, wenn einem die Vergangenheit verschweigt, warum man sich ausgerechnet der Zukunft widmen sollte. Peter Schneiders neuer Roman handelt von dieser Situation: Das Leben zwingt einen irgendwann, die Pandorabüchse der eigenen Lebensgeschichte zu öffnen. Verunsichert blickt man in die Vergangenheit, sucht Trost. Doch anders als erhofft, stört man alte Gespenster auf und riskiert, dass sie in der Gegenwart herumspuken. Was an Lügen und verdrängten Wahrheiten herausdrängt, droht noch die letzten Sicherheiten der Liebe, der Ehe, der mühselig gebastelten Existenz aufzulösen, im Grunde die gesamte Eigenmythologie, die stillschweigend mobilisiert werden musste, nicht nur um das Gesicht zu wahren, sondern um überhaupt eines zu haben.

Was für Schlüsse zieht man aus dieser bestürzenden Erfahrung? Ist man mit ihr allein, oder hat die Selbstentfremdung inzwischen auch die anderen ergriffen? Der Kulturbetrieb befasst sich jedenfalls im Augenblick geradezu besessen mit dem Vergangenen. Zu helfen scheint es nicht. Bessere Literatur weist diese Art Ansprüche auf Hilfestellung zurück, sie erzählt Geschichten von Einzelnen, und die können auch schlecht ausgehen, ohne dass sie deshalb sinnlos wären. Schneiders Skylla ist auch ein Generationenroman, aber er geht darin nicht auf. Er besteht aus einer Episode aus dem behaglichen Dasein eines Achtundsechzigers: Rädelsführer einst, nun ein erfolgreicher Scheidungsanwalt. Von politischer Entlastung ist hier nicht die Rede, auch Heroismus kommt nicht vor. Wohl aber handelt es von den existenziell notwendigen Strategien, gelebtes Leben mit einem Schein von Rechtfertigung zu versehen. Jedes Leben, nicht nur das politisch bewegte, unterliegt einer Art Pflicht zur Legitimation. Da ist vieles erlaubt, solche Taktiken sind wahrscheinlich lebensnotwendig. Jeder wendet sie an – je älter, desto bewusster. Doch was bleibt, wenn man an der Taktiererei irre geworden ist?

Anzeige

Schneiders Figur heißt Leo Brenner. Bestimmt ist Brenner sein Leben lang selbstkritisch und skrupulös mit sich umgegangen, er wirkt keineswegs unsympathisch. In Skylla zerfällt sein inneres Normensystem rapide, es ist aus mit seiner Lebenskunst. Und an diesem Punkt beginnen die Schwierigkeiten mit Schneiders Buch. Was als die kuriose Geschichte einer Berliner Wohlstandsfamilie anhebt, die in Süditalien ein Haus bauen will, steht in umgekehrter Fallhöhe zu Schneiders Ambitionen. Der Roman hortet gleichsam seine Themen: Lebenslügen, die im Zusammenhang einer anderen Kultur fratzenhaft hervortreten, die zerstörerische und die kulturstiftende Kraft der Mythen, Fremdheit und Nähe in der Ehe, dort stattfindende Machtspiele und verdrängte Gewalt, hilflose Weisen, sich zur Vergangenheit zu verhalten, Schweigen, Lügen, Reden, die Unfähigkeit und der Wille zur Wahrheit – all diese Aspekte werden wie Schollen übereinander geschoben, Anthropologie, Archäologie, Landeskunde, Politik, aber sie verbinden sich nicht zu einem Erzählwerk. Nach all den Selbstentzauberungen bleibt ein Loch, das im Leben seinen kathartischen Sinn haben mag, aber nicht in der Literatur.

Immerhin spielt das Buch nicht in der Toskana, sondern in Latium. Dort, an der Küste, entdecken Brenner und seine polnische Frau Lucynna einen Hügel, der förmlich danach ruft, darauf ein neues Heim zu errichten. Es ist der alte arkadische Traum. Unten liegt die Grotte des Kaisers Tiberius, in Sichtweite Capri. Erwartungsgemäß werden die Deutschen in sämtliche süditalienische Wirrnisse gezogen. Sie werden warmherzig aufgenommen, getäuscht, ausgebeutet, aufs freundlichste umsorgt. Warum soll man es den Deutschen auch leicht machen bei ihrer Landnahme, man zieht nicht ohne Umschweife in eine ideale Gegend.

Lucynna ist Archäologin, nach einem geheimnisvollen »Vorfall« gab sie ihren Beruf auf. Der Boden ist trächtig: Wer dort auf dem Hügel baut, muss mit römischen Antiken rechnen. Tatsächlich taucht ein Mosaik auf. Es stellt die Skylla dar, das männermordende Weib, das den Gefährten des Odysseus zusetzte. Möglicherweise ist das Mosaik der Schlüssel zum Verständnis der Figurengruppe aus der Grotte. (Schneider ließ sich von den Arbeiten des deutschen Altertumsforschers Bernard Andreae inspirieren, der das Figurenprogramm der Tiberiusresidenz bei Sperlonga rekonstruierte.) Bekannte Altertumsforscher versuchen, das Skylla-Rätsel zu lösen. Es kommt zu vielerlei Konflikten. Ein alter Mitstreiter aus der Berliner Kommunardenzeit taucht auf und fordert von Leo, er möge die Verantwortung für einen von ihm inspirierten Anschlag übernehmen, bei dem es Tote gab. In einer schrecklichen Nacht verwandelt sich Lucynna auch noch in eine tobende Skylla. Dann verschwindet sie, warum, bleibt dunkel. Latium, das Land der Mythen, ist voller Bedeutungen, aber es liefert keine Erklärungen. Am Ende sind alle wieder beisammen, das Haus ist fertig. Man lebt weiter, irgendwie. Nichts ist »gelöst«, genauso wenig wie bei den Italienern, denen es allerdings gelingt, über den Vulkanen, auf der porösen Schicht der Vergangenheit, ihr Leben zu inszenieren.

Das ist alles dick aufgetragen und wirkt ein bisschen vordergründig. Der Leser hat bald verstanden, dass die Mythen, die einen jagen und auch die eigene Gewaltsamkeit hervorkitzeln, mehr mit Natur als mit Geschichte zu tun haben. Warburg statt Freud: Das Unzähmbare kann allenfalls durch kulturelle Bastelarbeiten zivilisiert werden, die ein jeder selbst in Angriff nehmen muss, doch in Aufklärung wird sich das Unzähmbare niemals auflösen.

Schneider revidiert das Lebenspathos von Achtundsechzig. Doch nicht wirklich konsequent. Die Grundüberzeugungen jener Zeit, von ihren Repräsentanten eher verdrängt als widerrufen, werden verabschiedet – und von einer Schneiderschen Kulturtheorie ersetzt. Diese steht nicht mehr im Zeichen einer Ideologie, sondern der Lebbarkeit der Existenz. Sie besagt, dass man mit seinen Dämonen nur in einem, man möchte sagen: »süditalienischen« Modus der labilen Freundschaft existieren kann. Die Dämonen sind Teil des Daseins, nicht dessen Feinde, ein lebenswertes Leben lässt sich nicht aus dem Kampf gegen sie ableiten. Diese Aussage schiebt sich massiv vors Erzählte. Sie geht nicht plausibel aus der Geschichte hervor, sie wirkt hervorgepresst. Vielleicht klingt Schneiders Sprache deswegen so uninspiriert. Als hätte er aus Furcht, seine Figuren allzu bedeutsam erscheinen zu lassen, in einer uncharakteristischen Alltagssprache Zuflucht genommen.

Darin besteht das künstlerische Kernproblem dieses Romans: Die Geschichte, die Peter Schneider erzählt, strebt durchaus zum Realistischen. Wer einen Achtundsechziger zum Helden bestimmt, wer von Ehe und Familie erzählt, von Deutschland und Italien, der ruft eine Menge Geschichten auf. Das ist immerhin ein großes Lektüreversprechen. Aber weil sich bei Schneider all diese Dinge in der Rückschau als falsch erweisen sollen, die privaten wie die politischen, die Biografie wie die Vermutungen, die man über das Wesen seiner Liebsten anstellt, ist Schneider gezwungen, das Wagnis eines antipsychologischen Erzählens einzugehen. Und das geht schief. Wenn die Figuren nicht aufgrund ihrer Seelenlage interessant sein dürfen, muss ein anderer Hintergrund aufgerollt werden, vor dem sie erkennbar werden. Für die literarische Tradition kamen in einem solchen Fall das Parabelhafte oder das Typologische infrage. Bei Schneider ist nur eine skeptische Kulturtheorie übrig geblieben.

Das wirkt glanzlos. Die Frage ist, ob diese Glanzlosigkeit kalkuliert ist. Die Figuren werden (sich) fragwürdig, aus Gründen der historischen Wahrhaftigkeit mag das gut so sein. Die Vergangenheit ist dann kein hierarchisch geordneter Raum mehr, der den großen und kleinen Mächten zur Verfügung steht. Sobald sich jedoch dieses Gewimmel in einem Roman austoben soll, muss es in die Form gebracht werden. Nicht alles, was im Leben hilft, ist auch der Literatur zuträglich. Nach 300 Seiten Skylla- Lesen drohen Leo und Lucynna, all die Giorgios, Livios und Annas und die netten Nachbarn aus Neapel in der Grotte ihrer Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Das letzte Wort über Achtundsechzig muss kein von der Kunst gestifteter Sinn sein. Aber die demütige Rückkehr zum Alltag macht noch keinen gelungenen Roman. Es bereitet bloß die nächste Täuschung vor: dass Kunst und Leben nach dem Ende der Illusionen wieder in eins fallen können.

SkyllaBelletristikRomanPeter SchneiderBuchRowohlt Berlin2005Berlin19,90313
 
  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Bürgerkrieg Massaker in Syrien empört Weltgemeinschaft
    2. Eurovision Song Contest Sieg der globalisierten Feierkultur
    3. Schweiz-Deutschland Warum die EM nicht verbaselt wird
    4. Charles Fréger Europas wilde Männer
    5. Präsidentschaftswahl Unterlegener Kandidat will Wahlergebnis in Ägypten anfechten
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Anzeige
    Service