Medizin Vertrauenskrise im OP-SaalSeite 2/2
Die neue Anspannung fällt in eine Zeit, in der sich die Krankenhäuser keine schlechte Presse mehr erlauben können. Sie verlieren durch die Gesundheitsreform massiv Betten; viele sind von Schließung bedroht. Der Wettbewerbsdruck ist groß. Untersuchungen zeigen, dass das Publikum nur eines schlimmer findet als Fehler in der Medizin: Ärzte, die Fehler vertuschen. Schon gehen Kliniken mit Problemen so offensiv um wie nie. Im Tollwutfall überschütteten die Hospitäler erstmals Redaktionen mit täglichen Bulletins zum Gesundheitszustand der Opfer. Und prompt fiel die Medienschelte auffallend moderat aus.
Auf deutsche Weise wird nun versucht, mit Expertengremien, Instituten und Regularien die Patientensicherheit zu organisieren. Die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) begutachtet Krankenhäuser. Um die Kliniken kümmert sich auch das »krankenhausspezifische Zertifizierungsverfahren der Kooperation für Transparenz und Qualität im Krankenhaus« (KTQ), während das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) den Ärzten auf die Finger schaut. Und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wacht neuerdings über den Nutzen von Therapien. Inzwischen müssen Krankenhäuser alle zwei Jahre im Internet Qualitätsberichte veröffentlichen.
Skeptiker haben ihre Zweifel an dem verordneten Q-Wesen. »Das Schlimmste«, sagt Günther Jonitz, »wäre jetzt noch die Gründung eines Amtes für Patientensicherheit.« Das Umdenken müsse von den Ärzten selbst gewollt und getragen werden. »Es geht nicht darum, in den Schlichtungsstellen Schadensfälle ab zuarbeiten. Sie müssen auf gearbeitet werden«, sagt Jonitz. Seit einem Dreivierteljahr sammelt die Schlichtungsstelle der Ärztekammer Hannover alle Schlichtungsverfahren aus Deutschland zentral und wertet sie aus.
Vorsichtig tasten sich die deutschen Doctores zu einer Fehlerkultur vor. Am Montag wird in Düsseldorf das Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. aus der Taufe gehoben. Das Ziel: Erforschung, Entwicklung und Verbreitung von Methoden zur Verbesserung der Patientensicherheit. Mit an Bord sind die Bundesärztekammer, das IQWiG, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Kranken- und Haftpflichtversicherungen.
Bisher stand die Jagd nach einem Schuldigen im Zentrum. »Krankenhäuser sind Misstrauensorganisationen«, sagt Holger Pfaff, Medizinsoziologe von der Universität zu Köln. Dabei hat die Arbeitspsychologie längst belegt, dass Fehler oder unerwünschte Ereignisse fast immer Systemfehler sind. Pfaff hat das Arbeitsklima an vier Krankenhäusern untersucht. Es ging darum, inwieweit eine Atmosphäre herrschte, in der offen über Probleme gesprochen werden konnte. Nur die Hälfte der 1645 Befragten hatte das Gefühl, Problemdiskussionen seien möglich und erwünscht. Viel positiver fielen die Ergebnisse in der Autoindustrie aus.
Auf die Autoindustrie verweist Pfaff nicht ohne Grund. Seine Kenntnisse des Fehlerwesens hat er vor allem dort gesammelt. Besonders der Autobauer Toyota hat ihn begeistert. »Dort will man unbedingt aus Fehlern lernen«, sagt Pfaff. Fehler dürften gemacht werden, würden gemeldet, intensiv besprochen – und sollten dann aber auch nicht mehr vorkommen. Bei Daimler und anderen Herstellern würde versucht, diese Kultur zu kopieren, »aber nie mit der gleichen Konsequenz«. Für den zentralen Qualitätshebel hält Pfaff das Vertrauen in die Mitarbeiter. So müsse man eher eine Vertrauenskultur schaffen, als nur Fehler zu thematisieren. Noch immer gelte nämlich in Deutschland die Null-Fehler-Philosophie. »Das ist in unserer Kultur so verankert«, sagt Pfaff.
Also leugnet der Arzt das Missgeschick. Ihm fehlt die Rückendeckung, schließlich kann ihn ein Eingeständnis den Job kosten – und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Auch die Chance, dass ein Zwischenfall durch das Anschwärzen eines Kollegen publik wird, besteht nicht. Schuldzuweisungen sind in der verschworenen Ärzteschaft verpönt. Als Ausweg aus dem Dilemma dient das Schicksal – es wird für Unglücke verantwortlich gemacht. »Wer aber ist das Schicksal?«, fragt Pfaff, »vom Schicksal kann man nicht lernen.«
- Datum 06.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.04.2005 Nr.15
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