Manchmal schadet eine Therapie den Kranken mehr, als sie nützt. So ist seit Patientengedenken das Verhältnis zwischen Ärzten und Kranken getrübt. Als antike Weisheit ist deshalb der Spruch "Primum nil nocere" – zuerst einmal nicht schaden – überliefert.

Ins Lateinische geriet diese Weisheit durch Scribonius Largus, Hofarzt des Kaisers Tiberius Claudius Nero Caesar Drusus, der rund 50 Jahre nach Christi Geburt in Rom herrschte. Die römische Schadensverhütungsregel ist nachvollziehbar. Ärzte standen schon immer im Ruf, sich mit allerlei giftigen Substanzen auszukennen, also gerieten sie bei mysteriösen oder prominenten Todesfällen in Verdacht – und wurden trotzdem nie dafür belangt. Marcus Aurelius soll von seinen Ärzten vergiftet worden sein, und Caracalla hat angeblich den Leibärzten seines Vaters Septimus Severus den Vatermord befohlen. Der Ruf als Auftragskiller aber war verheerend. Um das Image der römischen Mediziner aufzupolieren, empfahl Largus seinen Kollegen mit dem "Primum nil nocere" eine vertrauensbildende Parole.

Bei den Griechen war der Satz schon seit Jahrhunderten in anderer Form virulent: "Die Regeln zur Lebensweise werde ich zum Nutzen der Kranken einsetzen, nach Kräften und gemäß meinem Urteilsvermögen; vor Schaden und Unrecht werde ich sie bewahren", hieß es in den ersten Epidemienbüchern des Corpus Hippocraticum. Diese Schriftensammlung für Ärzte wurde schon im 5. Jahrhundert vor Christus – und damit weit vor der Zeit des Altmeisters Hippokrates – begonnen.

Doch so selbstlos hätten die Ärzte nicht immer argumentiert, sagt die Leipziger Medizinhistorikerin Charlotte Schubert, die im Herbst ein Buch über den hippokratischen Eid veröffentlichen wird. Bevor in der hellenistischen Zeit eine neue, philanthropische Geisteshaltung den Kranken ins Zentrum stellte, sorgten sich die Heiler mehr um sich selbst. Ausgiebig habe man eine Nutzen-Schaden-Diskussion geführt. Im 5. Jahrhundert vor Christus aber beschäftigte die Ärzte unter dem Stichwort Schaden vor allem eines: Auf welche Weise könnte die Behandlung eines Kranken der Reputation des Arztes schaden oder nützen?

Einen Koma-Fall wie den der Terri Schiavo, sagt Schubert, hätte man damals sicher nicht lange diskutiert und sich gleich abgewandt. Von hoffnungslosen Fällen ließ man besser die Finger.