Medizin Schluss mit dem Schweigen!

Deutschlands Medizin braucht eine neue Kultur im Umgang mit Fehlern. Ein Plädoyer

Die Sicherheit von Patienten ist seit der Publikation des schockierenden Berichts des amerikanischen Institute of Medicine im Jahre 1999 eines der wichtigen Themen in den Gesundheitssystemen der industrialisierten Welt. Fehler der unterschiedlichsten Art kommen in amerikanischen Krankenhäusern nach dem Bericht häufig vor und führen, so schätzen die Autoren, zu mindestens 44000, möglicherweise 98000 Todesfällen pro Jahr.

Nimmt man die letztgenannte Zahl, gehören Fehler im Krankenhaus zu den zehn häufigsten Todesursachen. Sie rangieren damit vor Brustkrebs, Aids und Verkehrsunfällen.

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Die Öffentlichkeit wird vor allem auf das Thema aufmerksam, wenn ein medizinischer GAU passiert: wenn eine neue, ungenügend geprüfte Therapie zu teils katastrophalen Ergebnissen führt (zum Beispiel der Einsatz des Roboters Robodoc beim Hüftgelenkersatz). Oder wenn aufgrund einer Seitenverwechslung ein gesunder Lungenlappen entfernt, ein falsches Bein amputiert wird oder Operateure ein inkompatibles Herz transplantieren. Die operative Medizin ist besonders exponiert, weil Fehler und Konsequenzen einfacher zu durchschauen und eher nachweisbar sind.

Fehler in Diagnose und Therapie führen überall in der Medizin zu unerwünschten Ereignissen, nicht nur in der Chirurgie, nicht nur in Kliniken. Selten sind sie Folge eines groben Fehlers Einzelner. Viel häufiger sind unerwünschte Ereignisse die Konsequenz kleiner, sich zu einer gefährlichen Reihe addierender Unaufmerksamkeiten. Ebenso oft sind sie Folge von Kommunikationspannen, wie inkompletten Übergaben bei Schichtwechseln. Sie sind unbeabsichtigte und vermeidbare Schädigungen von Patienten während einer Behandlung, die den Tod, lebenslange Beeinträchtigung oder zumindest eine Verlängerung des Klinikaufenthaltes nach sich ziehen.

Andere Arbeitsbereiche, zum Beispiel die Luftfahrt, sind der Medizin in Sachen Fehlerprävention um Jahrzehnte voraus. Lucian Leape, der Professor für Gesundheitspolitik an der Universität Harvard ist, befasst sich schon seit vielen Jahren mit Fehlern, ihren Ursachen und ihrer Vermeidung. Ihm zufolge hat man im Krankenhaus ein Risiko von 1 zu 200, eine schwere oder gar tödliche Komplikation zu erfahren, im Gegensatz zu einem Risiko von 1 zu 2000000, wenn man ein Flugzeug besteigt.

Nach einer australischen Untersuchung erfahren 16,6 Prozent aller Patienten im Krankenhaus ein unerwünschtes Ereignis, in Londoner Hospitälern sind es 11,7 Prozent. Eine frühere Untersuchung zeigt, dass Behandlungsfehler bei einem Prozent der Patienten zu bleibenden Schäden oder zum Tod führen. Aus Deutschland gibt es keine vergleichbaren Zahlen. Es ist anzunehmen, dass die Situation hier ähnlich ist. Das bedeutet: Es müssen dringend Schritte unternommen werden, um Anzahl und Schwere von Fehlern zu reduzieren.

Zunächst muss in der deutschen Medizin eine Fehlerkultur geschaffen werden, die es zulässt, über unerwünschte Ereignisse und Situationen, die fast zu ihnen geführt hätten (near misses), offen zu sprechen. Das Ziel muss sein, Mechanismen und Verhaltensweisen zu erzeugen, die Fehler künftig verhindern. Fehler dürfen nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden; die offizielle Null-Fehler-Mentalität ist überholt. Nach einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und des Berufsverbandes finden nur in 20 Prozent der Kliniken, die junge Chirurgen ausbilden, Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen statt. In den anderen wird über eventuelle Fehler gar nicht oder nicht regelmäßig gesprochen. In den angelsächsischen Ländern wäre das ein Grund, einem Chef die Weiterbildungsermächtigung zu entziehen.

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