Die komischste und anrührendste Szene dieser Globalisierungsposse spielt in einem Moskauer Omnibus. Während draußen die Hauptstadt des Postkommunismus vorbeifliegt, wird drinnen das Ideal der Völkerverständigung verwirklicht – von zwei Blondinen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: einer stromlinienförmigen britischen Geschäftsfrau und einer gemütlichen russischen Mama. Schon der Gegensatz zwischen der schicken Magerkeit der einen und der altmodischen Vollbusigkeit der anderen, zwischen der berufsmäßigen Nervosität und der toupierten Unerschütterlichkeit, macht deutlich, dass sie von verschiedenen Planeten stammen. Eine Laune des Schicksals hat sie zusammengeführt: Nachdem die ausländische Dame von der Moskauer Taximafia beraubt und in einem Hinterhof ausgesetzt wurde, begleitet die hilfsbereite Augenzeugin Elena Wassiljewna Petrowa sie zur Polizei.

Zunächst scheinen Ost und West durch eine unüberwindliche Sprachbarriere, durch den Eisernen Vorhang der politischen Vergangenheit voneinander getrennt. Doch dann fischt die Russin eins dieser typisch sowjetischen Konfektstücke aus ihrer Handtasche und reicht es der Engländerin mit solch beiläufiger Fürsorglichkeit, als wären sie seit Jahrhunderten bestens befreundet. Die Verbrüderungsszene dauert nur wenige Sekunden, aber sie enthält alles, was den neuen Film von Hannes Stöhr ausmacht: das kleine Individuum und die internationale Politik, den Großstadtdschungel und das globale Dorf, den humorvollen Blick auf den vom flexibilisierten Kapitalismus überforderten Menschen, die Gefahren der Reisefreiheit und die trügerische Hoffnung, ein erfahrener Tourist könnte überall heimisch sein.

Mit dem Episodenfilm One Day in Europe hat der Regisseur und Drehbuchautor Hannes Stöhr – geboren 1970 in Stuttgart, auffällig geworden durch die Ost-West-Tragikomödie Berlin is in Germany – die Vision einer europäischen Gemeinschaft auf unwiderstehliche Weise konterkariert. Er führt uns vor Augen, dass es, dem Brüsseler Parlament zum Trotz, ein grenzenloses Europa wahrscheinlich nie geben wird, sondern weiterhin verschiedene Länder und verschiedene Landsleute mit all ihren Eigenheiten. Der Russe beispielsweise glaubt, dass man Probleme jeglicher Art mit Konfekt, Wodka, sauren Gurken und stoischer Geduld löst. Der Berliner dagegen bildet sich viel auf seine nagelneuen Polizeiautos und seine gediegenen Fremdsprachenkenntnisse ein. In Istanbul schwört man auf einschüchterndes Gebrüll. Und in Spanien schafft man Konflikte durch Beschwichtigungstaktik aus der Welt.

Ein Deutscher in Istanbul, ein Ungar in Spanien, zwei Franzosen in Berlin

Stöhrs Film hat natürlich nicht die Absicht, statistisch korrekte und diplomatisch vertretbare Nationalcharaktere herauszupräparieren. Er will lediglich den komischen Mehrwert der kulturellen Differenzen abschöpfen, das Missverständnis als wichtigstes Globalisierungsphänomen etablieren und dessen gelegentliche Überwindung als einzig wahre paneuropäische Utopie ausrufen.

Fünf Reisende erleben hier das Abenteuer Ausland: eine Engländerin in Moskau, ein deutscher Versicherungsbetrüger in Istanbul, ein ungarischer Pilger in Santiago de Compostela und ein französisches Gauklerpaar in Berlin. Hannes Stöhr hat sich für sein Stationendrama vier möglichst weit voneinander entfernte Drehorte ausgesucht und sie durch mehrere dramaturgische Tricks miteinander verbunden. Alle Episoden ereignen sich am selben Tag. Alle Figuren bekommen es mit der Polizei zu tun. Und in allen vier Städten wird die normale Routine durch dasselbe Fußballspiel gestört: Galatasaray Istanbul gegen Deportivo La Coruña – ausgetragen in Moskau, ausgestrahlt in ganz Europa. Das gibt dem Regisseur Gelegenheit, ein Spiel im Spiel zu inszenieren und anstelle der jeweiligen Nationalflaggen die Farben der gegnerischen Mannschaften durch die Straßen wehen zu lassen. Rotgelb für die Türkei, Blauweiß für Spanien. Als Running-Gag und retardierendes Moment laufen die johlenden Horden der Fans immer wieder quer durch die Episoden. Sie halten das Taxi auf, mit dem der deutsche Fußballfan zur Gendarmerie fahren will, um einen Diebstahl anzuzeigen, der gar nicht stattgefunden hat. Sie laufen dem Pilger vor die Füße, der vergeblich versucht, mithilfe eines galizischen Kommissars seine gestohlene Kamera wiederzufinden.

Wie in Jim Jarmushs Night On Earth jede Figur irgendwann in ein Taxi steigt, so landen hier alle Protagonisten früher oder später auf dem Polizeirevier oder in der grünen Minna. Wie Andreas Dresens Nachtgestalten oft vergeblich auf die Hilfsbereitschaft anderer Leute hoffen, so ist hier der Beistand des diensthabenden Wachtmeisters mit Vorsicht zu genießen. Und wie in Robert Altmans Short Cuts die zwischenmenschlichen Beziehungen ständig scheitern, so laufen auch diese Helden Gefahr, am babylonischen Zustand unserer Welt zu verzweifeln. Man darf sich nämlich von Hannes Stöhrs außergewöhnlichem Talent für Situationskomik nicht täuschen lassen: Das eigentliche Thema des Films ist die deprimierende Monadenhaftigkeit des Menschen, die nur vorübergehend von einem Schutzengel wie Elena Wassiljewna gemildert werden kann.

Mit ihrer wasserstoffgebleichten Sturmfrisur und den verschmitzten Augen hinter der schaufenstergroßen Brille verkörpert sie das revolutionäre Potenzial der praktizierten Nächstenliebe. Mit ihrem russischen Charme durchbricht sie mühelos die befestigten Außengrenzen der Europäischen Union und besiegelt den internationalen Freundschaftsvertrag. Doch weil Elena einzigartig ist, wird die Revolution nie flächendeckend stattfinden. So bleiben wir europäischen Zivilisten weiterhin der Willkür der europäischen Ordnungshüter ausgeliefert: Wenn die Polizei das Fußballspiel sehen will, müssen wir brav auf das Überfallprotokoll warten. Und wenn wir aufmucken, sperren sie uns zu den randalierenden Hooligans in die Ausnüchterungszelle. Nur Elena Wassiljewna wüsste, wie man an den Schreibtischgendarmen vorbei zum Büro des Chefs marschiert und ihn mit einem sanften "Entschuldigen Sie, Herr Genosse Offizier…" dazu bringt, uns höchstpersönlich zu retten.