Umwelt Feines Gespür für Staub

In den USA sorgt ihre Forschung längst für Aufsehen. Jetzt macht die Aufregung um Feinstäube Annette Peters auch hierzulande bekannt.

Am Tag, als die Boulevardzeitungen München zur »Feinstaub-Hölle« erklärten, konnte Annette Peters tief durchatmen. Denn über Ostern war sie zu einer Skitour in die Tiroler Alpen aufgebrochen. »Da oben gibt es wenigstens keinen Feinstaub«, sagt die 38-jährige Epidemiologin. Acht Dreitausendergipfel in einer Woche; Lawinenwarnstufe drei. Die wahre Lawine brach aber erst nach ihrer Rückkehr über sie herein. Denn seit Ostersonntag geht, wie der Spiegel titelte, in Deutschland das »Feinstaub-Gespenst« um. Fachleute für das Thema sind rar. Deshalb steht im Institut für Epidemiologie des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit das Telefon kaum noch still. Hier leitet die sportlich-agile junge Frau die Arbeitsgruppe Epidemiologie von Luftschadstoffwirkungen – und damit Deutschlands einzige Forschungsgruppe, die sich darauf spezialisiert hat.

Ein Messwert hat – um im Bild zu bleiben – den ganzen Staub aufgewirbelt. Ausgerechnet Peters’ Heimatstadt München war die erste Kommune, in der an mehr als 35 Tagen im Jahr über 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter die Luft schwängerten. »Ich war dann doch überrascht, wie schnell es ging«, sagt Peters. »Wir hatten im Winter eben lange Inversions-Wetterlagen.« Das heißt – eigentlich wäre Stuttgart früher dran gewesen, doch die Schwaben ließen sich beim Partikelzählen so viel Zeit, dass den Münchnern ihre Schlagzeilen sicher waren. »Schmutzigste deutsche Stadt: In München wächst die Krebs-Gefahr«, kreischten die Titel der lokalen Boulevardpostillen. Hätten die Blattmacher sich die Mühe gemacht, die Befunde der Feinstaub-Expertin zu lesen, dann hätten sie viel früher noch schaurigere Schlagzeilen dichten können.

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In ihrer jüngsten Studie konnte Annette Peters einen direkten Zusammenhang zwischen Herzinfarkten und Luftschadstoffen auf den Straßen nachweisen. Mit ihrem Team untersuchte sie, wie Augsburger Infarktpatienten die Stunden vor dem Gefäßverschluss am Herzen verbracht hatten, und stellte fest: Eine Stunde nach einer Auto- oder Busfahrt war das Infarktrisiko fast um das Dreifache erhöht. »Die Ergebnisse haben uns sehr verwundert«, gesteht Peters ein. »Und ich hatte ein bisschen Angst vor der Reaktion.« Je länger die Menschen sich auf den Straßen aufhielten – sei es im Auto, zu Fuß, auf dem Rad oder im Bus –, desto höher war die Gefahr, einen Myokardinfarkt zu erleiden. Am gefährlichsten war der Stop-and-go-Verkehr zur Stoßzeit.

Drei Wirkmechanismen vermuten die Forscher: Die feinen Partikel können Entzündungen im Lungengewebe verursachen, dringen aber darüber hinaus auch in die Blutbahn ein. Dort aktivieren sie Blutplättchen, was die Gefahr von Gerinnseln erhöht. Darüber hinaus mutmaßen sie, dass die Staubpartikel das vegetative Nervensystem beeinflussen und so den Puls beschleunigen. Die Auswertung der Daten legt nahe, dass der Feinstaub in der Stadtluft nicht nur langfristige Folgen hat, sondern viel schneller und ausgeprägter wirkt als bisher vermutet.

Die Studie erschien im vergangenen Oktober im angesehenen New England Journal of Medicine und sorgte in den USA für viel Aufsehen. In Deutschland aber hat sie kein großes Echo ausgelöst. Nur den großen Zeitungen war sie eine Notiz wert; nach einer Woche war das Interesse erlahmt.

Ihr Handwerkszeug als Feinstaub-Expertin hat Annette Peters an der Harvard School of Public Health gelernt. »Im Vergleich zu den USA ist Deutschland da ein Entwicklungsland«, sagt sie. »Wir haben jetzt einen Grenzwert für Partikel. In den USA sind sie seit 1997 reguliert.« Auch die Ergebnisse der Augsburger Studie haben nach ihren Worten jenseits des Atlantiks wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregt als hier.

Die Vernachlässigung der Feinstaub-Problematik zeigt sich ebenso bei den Forschungsmitteln. »Es ist noch immer schwierig, deutsches Geld für unsere Forschung zu bekommen«, sagt sie. Ihr Budget stammt nach wie vor entweder von der Europäischen Union oder von der US-amerikanischen Environment Protection Agency.

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