Blödes Blut
Der Adel bestätigt Harald Martensteins Vorurteile
Gegen Kinder schwerreicher Eltern habe ich was. Das ist ein soziales Vorurteil. Es ist mir bewusst, ich kämpfe dagegen an. Ich weiß, dass jeder Mensch ein Einzelfall ist und dass in jedem Haus des Herrn Gerechte und Ungerechte wohnen. Trotzdem trete ich Menschen, die mit einem Satz goldener Löffel im Mund geboren wurden, mit einer gewissen Anfangsreserve entgegen. Ähnliches gilt für Adelige. Was soll dieses angeberische »von«? Wenn ihr unbedingt einen schicken Namenszusatz haben wollt, dann promoviert halt, aber das macht ja Arbeit. Ich kenne einige sympathische Adelige, doch mussten diese, bevor ich ihnen mein Plebejerherz schenkte, einen ähnlichen Widerstand überwinden, wie wenn sie einen auffälligen Mitesser auf der Nase gehabt hätten. Ich gebe dies zu, obwohl ich mich angreifbar mache, aber ich bin nun mal kein Heiliger und auch nicht Mister Nice Guy. Es lebe die Republik!
Eine Ausnahme gibt es. Das Schicksal von Prinz Charles berührt mich. Dieser Mann ist mit einer kaltherzigen, falschen Mutter, mit einem arroganten, geistig nicht sehr beweglichen Vater, mit einem nichtsnutzigen Playboysohn und mit der postmortalen Präsenz des Mediengenies Diana geschlagen, er ist dabei so tollpatschig und so beständig in seiner Liebe zu Camilla, und er macht sich auf ernsthafte und rührende Weise Gedanken über die Natur, die Zukunft der Erde und die Baukunst. Die Queen dagegen, die ihren Schwiegertöchtern das Leben vergiftet und ihrem intelligenten, sensiblen Sohn durch bräsige Thronhockerei den Job vorenthält, ist das größte Biest in der gesamten europäischen Adelsmischpoke. Wer glaubt, dass Heide Simonis an ihrem Sessel geklebt hat, sollte sich lieber mal die Queen anschauen.
Es ist ein Filmstoff. Es ist Shakespeare. Alle drei Wochen lese ich: Rot-Grün am Ende. Drei Wochen später heißt es: Hoppla, nanu, Rot-Grün wieder obenauf. Bis zur Wahl geht es noch dreimal hin und her, das weiß jeder. Aber Charles bleibt Charles. Charles ist nie obenauf. Aber er ist einer von den Guten.
Ich habe in dem Magazin Der Freund geblättert, welches eine Art Fachblatt für gelangweilte reiche Söhne ist. Dort schreibt Alexander von Schönburg über seinen Urlaub im »Strandhaus« seiner Schwester, Fürstin Gloria von Ichweißnichtwas, in Kenia. Er schreibt: »Das einzig Erträgliche an Malindi ist das Spielkasino«, »Ich nutze Afrika ausschließlich zum Strandliegen« und »Mombasa ist nicht viel mehr als eine Ansammlung von Wellblechhütten«. Ausgerechnet dieses Individuum, das es an Ignoranz und Reptilartigkeit noch mit dem missratensten Mitglied der britischen Königsfamilie aufnehmen kann, hat ein Buch über »stilvolles Verarmen« geschrieben, mich schüttelt es vor Abscheu. Ich dachte daran, dass ich in den Tagen der Französischen Revolution den Kopf des naseweisen Barönchens Schönburg womöglich unter die Guillotine gebettet hätte, glücklich eine Zeit, die dem Plebejer solche Versuchungen nicht bereithält. Für Prinz Charles aber hätte sogar ich mein Schwert gezückt und wäre für die Monarchie in die Schlacht gezogen, denn Charles ist kein Bubi, sondern hat vom bitteren Wein des Leides getrunken. Es lebe König Charles!
- Datum 06.04.2005 - 14:00 Uhr
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.04.2005 Nr.15
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