Ich habe einen Traum
Anjelica Huston wurde 1951 in Kalifornien als Tochter der russischen Balletttänzerin Rikki Sima und des Regisseurs John Huston geboren. Sie wuchs in Irland auf und machte in Großbritannien zunächst als Model Karriere 1985 gewann sie mit einer Nebenrolle in »Die Ehre der Prizzis« einen Oscar, es folgten Rollen in »Addams Family« und »The Royal Tenenbaums«. Derzeit ist sie in Wes Andersons Film »Die Tiefseetaucher« zu sehen. Sie träumt vom Fliegen
Ich fliege. Frei von technischen Apparaturen, lediglich von meiner eigenen Körperkraft angetrieben. Wie eine Biene schwirre ich durch die Lüfte. Ich bin imstande, Wälle, Mauern, Ozeane zu überwinden. Hindernisse oder räumliche Barrieren existieren nicht mehr. Nichts verstellt mehr meinen Blick. Fliegen, das ist für mich der Inbegriff von Freiheit. Fliegen ist absolute Freiheit.
Ich hasse es, in Flugzeugen zu sitzen. Bei dieser Art von Fliegen kriege ich klaustrophobische Ängste, wie an vielen anderen Orten: in Zügen und Hochhäusern, in denen sich die Fenster nicht öffnen lassen; in Städten mit engen, verwinkelten Straßen, die den Blick zum Himmel versperren. Überall dort bekomme ich Beklemmungen. Drachenfliegen, Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, nichts dergleichen hat mich je gereizt. Aber ich träume davon, dass ich, dahingleitend, an meinem eigenen Körper spüre, wie ich die Luft durchschneide.
Nicht höher als vier Meter allerdings darf ich fliegen, denn ich leide auch stark unter Höhenangst. Wenn ich eine Aussichtsplattform oder das Dach eines hohen Gebäudes betrete, gerate ich in Panik. Ich zittere am ganzen Leib, die Knie rutschen mir weg, und es schnürt mir den Atem ab. Die Tiefe stößt mich ab und zieht mich zugleich magisch an.
Dabei ist der Gedanke an den Tod, der da lauert, mal beängstigend, mal nicht; je nachdem, in welcher Verfassung ich bin und in welchen Farben ich ihn vor mir sehe. Schwarz erschrickt er mich. Stelle ich ihn mir aber weiß vor, wirkt er gar nicht bedrohlich. Ich bin, was mein Lebensende angeht, eher pragmatisch und wenig verklärend.
Meine ganze Jugend war bestimmt von dem Abenteuer der Fortbewegung. Wir lebten damals in Irland. Ich war noch ein Zwerg, als ich anfing, Mauern zu erklimmen und mit fliegender Geschwindigkeit hinter mir zu lassen. Ich ruderte und rannte für mein Leben gern. Ich erlebte, was man eine idyllische Kindheit nennt, behütet von immer neuen Naturerfahrungen. Die Möglichkeit, mit der Natur zu kommunizieren und mich dank ihrer Kraft mit mir selbst auseinander zu setzen, war essenziell für mich. Ich liebe das satte Grün einer irischen Wiese, den Herzschlag einer Landschaft, das Fehlen jeder Ablenkung. Bis heute schaffen es Naturerlebnisse mehr als alles andere, mich zu besänftigen. Hätte ich Kinder, wäre es mein Traum, ihnen dieselbe Freiheit angedeihen zu lassen. In Europa, nicht in den Vereinigten Staaten, zumindest nicht unter der aktuellen politischen Führung.
Jenseits der Naturidylle aber war meine eigene Kindheit geprägt von Einsamkeit und Verwirrung. Meine Eltern trennten sich, als ich elf war. Gemeinsam mit meinem Bruder zogen wir nach London. Meine Mutter war eine extrem emotionale Person, aber sie vermied es, uns zu sehr an ihren inneren Stürmen teilnehmen zu lassen. In den fünfziger Jahren trug man Emotionen ohnehin nicht nach außen. Heute bedauere ich, dass sie mich als Kind nicht mehr einbezog in den Rausch ihrer Gefühle.
Sie kam durch einen Autounfall ums Leben, da war ich 17. Der Schock war immens. Ich verwandelte mich in eine Einsiedlerin, defensiv und verschwiegen, ohnehin nicht in einer Atmosphäre erzogen, die mich ermutigt hätte, auf andere zuzugehen. Die natürliche Entwicklung des Lebens hat meinem Panzer schließlich mehr und mehr Risse verpasst. Und Freundschaften mit Frauen – vor allem mit Frauen – haben mich gelehrt, allmählich klarer und offener zu kommunizieren.
1980, zwölf Jahre nach dem Tod meiner Mutter, als ich bei einem Autounfall selbst durch die Frontscheibe flog und schwere Gesichtsverletzungen davontrug, wurde mir das Mysterium und die Fragilität des eigenen Seins erneut massiv vor Augen geführt. Erst wenn es auf Messers Schneide steht, wird man sich der eigenen Lebenskraft bewusst und vermag zu erkennen, wo man hingehört.
- Datum 06.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.04.2005 Nr.15
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