madeira Well, well
Madeira, das ist Five o’ Clock Tea und Leichtwandern. Paarmassage und Hot-Stone-Therapie sollen jetzt auch jüngere Gäste auf die Insel bringen
In der türkischen Sauna habe ich mich voll dampfen lassen, im Pool dicht an die Massagedüsen gedrängt. Ich lag auf einem angewärmten Felsblock aus Marokko und wurde mit Rasulpackungen eingerieben. Später glitten heiße, eingeölte Steine an den Energielinien meines Körpers entlang, um dann an den Knotenpunkten platziert zu werden. Schließlich bat man mich, die Augen wieder zu öffnen, half mir in den Bademantel, und mit einem kleinen offenen Auto des Hotels fuhr man mich zu meinem Bungalow zurück.
Meine Haut war rundherum aufgefrischt und duftete fruchtig vor sich hin. Ich konnte mich tief in meine Entspannung hineinfallen lassen wie in einen wolkengroßen Wattebausch. Und doch, ich bin mir nicht sicher: Vielleicht war der wohligste Eindruck dieser Wellness-Tage auf der portugiesischen Atlantikinsel Madeira ein ganz anderer. Schräg über dem Spa des Hotels Choupana Hills liegt nämlich dessen Restaurant Xopana. Und dort findet sich auf der Dessertkarte eine krokantgespickte Nougateisschnitte, deren andächtiger Verzehr eine außerordentliche innere Befriedigung auslösen kann.
Ich weiß, Nougat kann kaum als Wellness-Substanz gelten. Schließlich sollen die Wohlseinseinheiten eher dabei helfen, eventuelle Nougatrollen am Körper wieder loszuwerden. Andererseits wird das persönliche Wohlergehen von vielerlei Faktoren beeinflusst. Unlängst ist das vor drei Jahren eröffnete Choupana Hills zu Portugals bestem Spa-Resort gekürt worden. Dabei hat der Besitzer Filipe dos Santos, ein ausgebildeter Arzt von 43 Jahren, noch keine einzige Anwendung seines Hauses selbst getestet. Er sagt, übrigens in fließendem Deutsch: »Zum Wohlsein gehören für mich der Raum, ein Eindruck von Weite und auch die Ruhe.« Während wir sprechen, fällt der Blick hinunter in die Bucht von Funchal, auf den dunklen Atlantik und das ferne Lichtermeer von Madeiras Hauptstadt. Der Eindruck von Weite endet am Horizont, aber er beginnt direkt vor unseren Augen, schon bei der großzügig geschnittenen Hotelanlage mit den an den Hang gewürfelten Bungalows, den beiden offen gestalteten Hauptgebäuden, in denen sich lediglich Lobby, Lounge, Bibliothek, Restaurant und Spa befinden. Das Spa selbst ist vergleichsweise klein. Doch das macht nichts. Denn die Zimmer, die Häuser, das ganze elegante Design in seiner Mischung aus asiatischer Lodge-Architektur mit madeirischen Materialien sorgen schon von vornherein für hohe gefühlte Wellness-Werte. Da kann Aromabehandlung oder Hot-Stone-Therapie nur noch das eine oder andere i-Tüpfelchen sein.
Choupana Hills ist ein einzigartiges Haus – und zugleich Teil einer Bewegung. Denn vor wenigen Monaten hat sich auf Madeira ein Interessenverband von 16 Hotels gegründet, die nun gemeinsam ihr Wellness-Angebot vermarkten wollen. Damit soll zugleich die touristische Klientel der Insel verjüngt werden. Denn bisher liegt das Durchschnittsalter des Madeira-Besuchers noch bei 50 Jahren. Der »Insel des ewigen Frühlings« haftet nach wie vor der Ruf an, ein gediegenes Eiland für Senioren zu sein, auf dem man vor allem dem Five o’Clock Tea, der Blumenbegeisterung und dem Leichtwandern entlang der zahllosen levadas frönt, jener einst von Sklaven angelegten Bewässerungskanäle mitten in den Berghängen. Zur Bestätigung der Vorurteile findet man noch immer Nahrung. Aber unter der Hand hat die Verjüngung längst begonnen. Und sowieso wäre es jammerschade, die wunderbaren levadas oder die ganze wild zerfurchte Insel einfach links liegen zu lassen, nur weil es darauf vermeintlich zu gepflegt und faltig zugeht.
Einer radikalen Verjüngung des Publikums steht allerdings ein entscheidender Umstand im Weg: Madeira fehlt der ordentliche Sandstrand. Laut Statistik baden deshalb nur rund 12 Prozent aller Touristen im Meer. Für eine Ferieninsel ist das eine sehr niedrige Quote. Wellness mag da ein kluges Alternativkonzept sein. Es erlaubt zudem den Rückgriff auf die Tradition. Schließlich galt Madeira in vielen Adelshäusern des 19. Jahrhunderts als Topadresse für stilvoll-spätkoloniale Langzeiturlaube. Der Deutschen liebste Kaiserin Sisi kam bereits mit zarten 22 Jahren im November 1860 zum Überwintern. Sie soll unter anderem den Spannungen am Wiener Hof entflohen sein und hatte angeblich die Luftveränderung bitter nötig. Damals konnte sie gegen allen Druck in ihrem Leben freilich wenig mehr unternehmen als ausgedehnte Ausflüge in die Umgebung von Funchal. Heute würde man ihr differenzierteste Anti-Stress-Programme anbieten können, mit punktgenauen Massagen, ausbalancierten Algenkuren oder Anwendungen zugunsten der »Erholungsfunktionen des Gehirns«.
Die neue konzertierte Hotelaktion im Dienste der werdenden Wellness-Insel hat sich Roland Bachmeier ausgedacht, der deutschstämmige Besitzer der Häuser Galo Resorts und Ondamar, die in Caniço, in unmittelbarer Meeresnähe, an Madeiras Südküste liegen. Bachmeier war schon Hotelier auf der Insel, als das Wort Wellness im deutschen Sprachschatz noch nicht existierte. Er sagt, und zwar mit aufrichtiger Besorgnis: »Früher brauchten die Gäste meistens nur zwei Tage, um gefühlsmäßig im Urlaub anzukommen. Heute dauert das viel länger. Und manche kommen gar nicht mehr vom Dauerstress runter.« Mit der richtigen Behandlung soll dem verkrampften Urlauber gewissermaßen eine Schnellstraße in die nötige Entspannung geebnet werden. »Die Leute haben heute weniger Zeit und wollen mehr schaffen«, sagt Bachmeier, »und Wellness bedeutet für einen kurzen Urlaub mindestens 20 Prozent Mehrwert.«
Als wirksamen Instant-Trip in die Erholung bietet das Ondamar unter anderem Softpacks an. Da bekommt man zum Beispiel erst einmal knapp hundert Gramm Aloe-vera-Creme auf die Haut; dann wird man, folienverpackt, in eine Art warmes Wasserbett versenkt. Daraus sieht nur noch der Kopf hervor – während der Restkörper im Ungefähren schwebt und langsam die Aloe vera einziehen lässt. Wem noch die heimische Ellenbogengesellschaft in den Knochen steckt, der mag sie hier auf besonders zarte Weise abstreifen können.
Das Hotel Jardim Atlantico, am westlichen Inselende bei Pranzeres hoch über dem Meer gelegen, bietet Kinesiologie an. Die deutsche Heilpraktikerin Rosemarie Hansen spürt Muskelblockaden auf und lädt offenherzige Urlauber ein, anschließend über die Ursachen dieser Verspannungen zu sprechen. »Zwei Drittel unserer Gäste könnten solche Gespräche gut gebrauchen«, sagt Hansen, »aber wir zwingen niemanden. An erster Stelle steht der Urlaub.« Im Jardim Atlantico wird der Tourist dabei ganz unauffällig von anderen Wellness-Elementen durch den Tag begleitet. Am Boden der Mineralwasserkaraffen liegen Bergkristalle oder Rosenquarze, deren Farbschwingungen und Lichtfrequenzen positiv auf den körpereigenen Energiefluss einwirken sollen. Und die Möblierung der Zimmer folgt den Grundsätzen der chinesischen Energielehre Feng-Shui.
- Datum 06.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.04.2005 Nr.15
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