Eine seltsame Schar trifft sich morgens um sieben auf der Dachterrasse der Orangerie. Splitternackte Gestalten gehen im Gänsemarsch in die frische März-Luft hinaus und staksen unter Seufzen und Schnaufen in flache Zinkwannen. Hektisch trampeln sie auf das Wasser ein, lassen sich dann keuchend hinabgleiten und schaufeln das eisige Nass wild über Brust und Bauch – so lange, bis die Hausherrin Elke Bolland aus ihrem Zuber ein Kommando gibt und alle, bewaffnet mit Ball und Schwimmnudel, zur Aquagymnastik in den geheizten Pool wechseln. Gut gelaunt, platziert Frau Bolland üppige Mittvierzigerinnen vor ungelenken Jungmännern, gesellt dralle Mädchen zu kurzatmigen Herren und lockt aus den zunächst klammen Körpern ungeahnte Grazie: "Jetzt die Hände auf die Knie und wie ein Frosch hüpfen." Während das Wasser brodelt, würzt sie die Animation mit Kommentaren zum jüngsten Triumph von Mainz über Schalke. Und aus dem Küchengebäude gegenüber zieht der Duft erlesener Fonds für das Abendessen herüber.

Nur wenigen, die sich hier von Kälteschauern und Hitzewellen ihre Gefäße weiten lassen, hat die Kur der Kassenarzt verordnet. Bollant’s im Park ist ein schickes Vier-Sterne-Hotel, idyllisch an der ungebändigten Nahe im rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim gelegen. Noch bis vor einem Jahrzehnt hieß das Etablissement Kurhaus Dhonau, und seine Patienten waren in guter deutscher Gesundheitstradition auch schon mal singend zur Gruppenwanderung ausgerückt. Heute wirbt Bollant’s mit "Medical Wellness", und viele der Gäste, die hier schon morgens mit Zigarette und Latte Macchiato unter der alten Linde sitzen, wollen weniger genesen als stilvoll entspannen.

Medical Wellness ist das neue Zauberwort im Wohlfühl-Business. Der kleine Zusatz vor dem bis zur Unkenntlichkeit ausgeleierten Kunstwort soll für Seriosität und medizinisch-therapeutischen Nutzen stehen und so die Badehäuser teurer Herbergen mit neuen Gästen füllen. Aber nicht Hotels allein buhlen mit dem schillernden Begriff um neue Zahler: Medical Wellness ist das Label, das der darbenden Kurindustrie endlich wieder Schwung geben soll.

Heilung mit Genuss: Das könnte der Gesundheitsmarkt der Zukunft werden. Denn Versicherungen übernehmen immer weniger Kosten, die über die reine Akutbehandlung hinausgehen. Genehmigten Kranken- und Rentenkassen in den 1980er Jahren noch 800000 Kuren pro Jahr, durften 2004 nur noch 160000 angeschlagene Werktätige die medizinisch überwachte Erholung genießen. Heilbäder ächzen heute unter gewaltigen Überkapazitäten. "Die klassische Kur ist praktisch tot", sagt Hildegard Dorn-Petersen vom Deutschen Wellness Verband. Zugleich steigt die Zahl der Rehabilitationsbedürftigen in einer immer hektischeren, vor allem aber immer älteren Gesellschaft. Experten gehen allein in Europa von einem Marktpotenzial von 250 Millionen Euro für private Gesundheitsleistungen aus.

"Es gibt eine Menge schwarzer Schafe unter den Anbietern"

Das Spektrum potenzieller Kunden reicht vom erholungsbedürftigen Vielarbeiter bis zum rekonvaleszenten Schwerkranken. Und die Medical-Wellness-Angebote für diese Klientel sind schon jetzt unüberschaubar – auch für die, die das Label vermarkten. "Es gibt eine Menge schwarzer Schafe unter den Anbietern", sagt Hildegard Dorn-Petersen. Edelhotels offerieren gehetzten Managern ein auf wenige Stunden zusammengedrängtes Quick-Check-up mit nachfolgender Thai-Massage; Akutkrankenhäuser widmen leere Kreißsäle in Feng-Shui-Tempel um, Reha-Kliniken installieren Solarien auf ihren kargen Korridoren.

Bollant’s, das einstige Kurhaus Dhonau, ist gut aufgestellt in diesem Rennen. "Wellness wird hier seit 93 Jahren gelebt", sagt die Physiotherapeutin Nicole Praß-Anton, die Schwester von Elke Bolland. Einst schmierte in Bad Sobernheim der Homöopath Emanuel Felke Patienten mit heilenden Lehmerden ein. Reinigende Nahrung, Barfußgehen, Freude am nackten Körper, Licht und Luft: Das Privatsanatorium war lange dem Leitsatz "Zurück zur Natur!" der Alternativbewegung um 1900 verpflichtet. Erst als sich das Ensemble der Romantikhotel-Kette anschloss und seinen Namen wechselte, zog Luxus ein. Inzwischen zelebriert ein Gourmetrestaurant die Lauterkeit des Speisens auf schwindelerregendem Niveau. Heute suhlen sich übersäuerte Manager im Lehmbad am Ufer der Nahe. Dazu kamen exotische Massagen, großzügige Spas und Dampfräume, wo sich der Gast jetzt unter dem schicken Namen "Rasulbad" mit der guten alten Erde salben darf.

"Wir haben von der Kurkrise nichts mitbekommen", sagt Axel Bolland, Enkel des Gründers. Er betreut die Arztpraxis, die dem Hotel angeschlossen ist. Wer sein Wellness-Wochenende durch eine kleine Konsultation aufwertet, betritt lichtdurchflutete Räume. Beim Check-up gibt es keinen Stich in die Armvene, sondern eine Kirlian-Fotografie: Ein Stromimpuls fließt durch Finger- und Zehenspitzen; die schwache Entladung um jedes Glied wird auf Fotopapier gebannt. Die Form der Strahlenkronen soll Aufschluss über verborgene Krankheiten und Störungen geben – ein direkter Zugang zur "Software des Menschen", wie sich Axel Bolland ausdrückt. So wird schnell zum Heilbedürftigen, wer eigentlich nur schmausen und saunen wollte. "Ich finde bei jedem etwas, auch bei Ihnen", sagt Axel Bolland, und plötzlich sieht man die Lungenärzte in Thomas Manns Zauberberg vor sich. Bolland tippt mit der Kugelschreiberspitze auf das Fotopapier: Dort signalisieren Kirlian-Linien eine Darmstörung, hier eine Allergie gegen Getreideproteine. Und ehe er sich’s versieht, hat der Genussgast eine Woche Heilfasten vor sich und bezahlt für Leistungen, an die er nicht im Traum gedacht hatte.