monaco Das Hongkong des Mittelmeeres

Auch nach dem Tod von Fürst Rainier von Monaco hält Paris an seinem Sonderverhältnis zu dem Zwergstaat fest

Bei der Hochzeit des Fürsten mit der Schauspielerin Grace Kelly 1956 glänzte der europäische Hochadel noch mit Abwesenheit. Als die Fürstin 1982 starb, waren die Aristokraten schon zahlreicher erschienen. Und zur Trauerfeier von Fürst Rainier-Louis-Henri-Maxence-Bertrand von Monaco, der jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist, werden voraussichtlich die meisten gekrönten Häupter der Welt kommen. Der Aufstieg der genuesischen Dynastie der Grimaldis von gefürchteten Raubrittern und Piraten zur angesehenen Erbmonarchie dauerte fast 700 Jahre. Doch eigentlich begann die späte Blüte Monacos als Stadtstaat und Familienkonzern erst mit der Thronbesteigung von Fürst Rainier III., der von 1949 an den kaum zwei Quadratkilometer großen Felsenvorsprung an der Côte d’Azur zu einer Art Hongkong des Mittelmeeres ausbaute.

Sicherlich gehört das monegassische Fürstenhaus zu den meistfotografierten Familien der Welt. Aber die Tatsache, dass die durchaus seriöse französische Illustrierte Paris Match seit 1949 sage und schreibe 182 Titelgeschichten über die Grimaldis veröffentlicht hat, zeigt das besondere Verhältnis Frankreichs zur Zwergmonarchie an der italienischen Grenze. Seitdem das von Napoléon besetzte Monaco 1815 vom Wiener Kongress seine Souveränität zurückbekam, hatten die Franzosen oft gute Gründe gehabt, das luxuriöse Steuer- und Spielerparadies zu verwünschen oder gar zu annektieren. 1962 ließ General de Gaulle das Städtchen sogar abriegeln und drohte mit Wasser- und Strom-Blockade, um die Monegassen von ihren unfeinen Privilegien für Millionäre und Finanzjongleure abzubringen.

Damals sorgte Frankreich mit seinem Protektorat für eine derart enge Anbindung des Fürstentums an die Republik, dass von einer echten Souveränität Monacos kaum mehr die Rede sein kann. Paris nominiert nicht nur Regierungschef und Staatsminister, sondern steuert auch zwanzig Prozent des monegassischen Staatshaushalts bei. Kein französischer Politiker spekuliert heute mehr darauf, dass der Kleinstaat vertraglich an die Republik zurückfällt, falls die Grimaldis aussterben. Denn Monacos größter Wert ist seine Anschlussfähigkeit an andere internationale Steueroasen und Finanzzentren – eine Miniatur-Schweiz, wie sie wohl jeder Staat gern auf seinem Territorium hätte.

Die knapp 7.000 Monegassen und 25.000 gemeldeten Ausländer, zu denen täglich 30.000 Berufspendler hinzukommen, sind nicht bloß von der Wehrpflicht befreit. Sie müssen auch keine direkten Steuern zahlen und lassen ihre Vermögen deshalb von einer der fünfzig Banken in Monaco verwalten. Dass Fürst Rainier oft als Zirkusdirektor beschrieben wurde, der seinen Kleinstaat wie einen Vergnügungsbetrieb führt, lässt in Vergessenheit geraten, wie sehr er als Manager den Finanz- und Handelsplatz stärkte. Er führte mit Grace Kelly alias Gracia Patricia nicht nur eine weitgehend skandalfreie Ehe, sondern schuf mit Formel-Eins-Rennen, Zirkusfestivals, Rosenbällen, Kreuzfahrtluxus und regem Kongressbetrieb den Nährboden, auf dem sich die Vermögenden mit ihren Firmen und Verwaltern gern ansiedeln. Bis heute wickeln französische Firmen ihr Afrika-Geschäft mit Vorliebe über Monaco ab.

Doch das legendäre Spielcasino, das einst Charles Garnier, der Architekt der Pariser Oper, entworfen hatte, kann längst nicht mehr die Existenz der Steueroase sichern. Dass das Glücksspiel heute nur noch vier Prozent zum Staatshaushalt beiträgt, erklärte Fürst Rainier einmal mit den gewandelten Sitten: Die Leute würden sich beim Spielen nicht mehr hinsetzen, sondern lieber das schnelle Kleingeld an Slot-Machines oder beim American Roulette suchen.

Noch 2000 prangerte ein Pariser Parlamentsbericht die Vielzahl von Briefkastenfirmen in Monaco an, deren „zweifelhafte Finanztransaktionen“ das Fürstentum zum „ offshore -Zentrum für Geldwäsche“ gemacht hätten. Trotz Mitgliedschaft in den UN und im Europarat ist Monaco weiterhin EU-Ausland. So steht das Land auch bei der OECD zusammen mit Liechtenstein und Andorra auf einer schwarzen Liste, weil die Banken allzu sorglos das Geld unbekannter Kunden annehmen und nur ungern Informationen mit europäischen Behörden austauschen.

Dagegen will der immer noch ledige Thronfolger Prinz Albert, 47, jetzt angehen und das Fürstentum mit dem weiteren Ausbau von Leichtindustrie, Mode- und Kosmetikfirmen sowie Massentourismus stärken. Frankreich wird es mit einem weinenden und einem lachenden Auge mitansehen, wenn Somerset Maughams Diktum über Monaco - „ a sunny place for shady people “ (ein sonniger Platz für zwielichtige Leute) – dann eines Tages der Vergangenheit angehört.

 
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  • Quelle (c) ZEIT.de, 07.04.2005
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