Unweit von Paris, im ruhigen Städtchen Fontainebleau, das berühmt ist für sein Königsschloss und die europäische Business School, die Insead, wird gegenwärtig ein indischer Gelehrter für die Aufklärung der modernen Seele gebraucht. An der Insead hält der Psychoanalytiker Sudhir Kakar, der sonst im indischen Goa lebt, mit seinem Kollegen Kets de Vries alljährlich eine Woche lang ein Seminar für führende Wirtschaftskräfte der Welt, die meisten von ihnen Europäer. Das Seminar ist für diesen Tag eben zu Ende, im Salon sitzt, unweit einer Gruppe von Managern, ein feingliedriger altersloser Herr bei einem Glas Wein und einer Zigarre – Sudhir Kakar.

DIE ZEIT: Was wollen Führungskräfte der Wirtschaft von Ihnen, dem indischen Psychoanalytiker, lernen? Kommen sie zu Ihnen, weil sie leiden?

Sudhir Kakar: Von mir lernen sie nicht viel. Sie lernen voneinander. Freiwillig. Sie finden heraus, wie ihr Leben verlaufen ist. Die blinden Flecken, die Schwächen im Umgang mit Menschen, die Not, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Offiziell geht es darum, eine bessere Führungskraft zu werden. Aber tatsächlich geschieht etwas anderes. Sie fragen sich, was aus dem Rosengarten geworden ist, den sie sich versprochen haben, öffnen sich für ihr Inneres und genießen es, ihre Fantasien zu entdecken. Sie wissen, dass man nicht handeln kann, ohne sich selbst zu kennen. Sie müssen reflexiv werden. Das ist Teil ihres Berufs.

ZEIT: Würden Sie für indische Manager dasselbe Seminar anbieten?

Kakar: Das wäre schwierig. Indische Führungskräfte kennen einander, sie hätten Scheu, sich vor anderen zu öffnen. Sie hätten Sorge um ihren Ruf.

ZEIT: Warum interessieren Sie sich überhaupt für Spitzenleute der Wirtschaft?

Kakar: Sie sind Menschen wie alle anderen, mit denen ich als Analytiker arbeite. Ich interessiere mich nicht für sie als Akteure des globalen Kapitalismus. Mich interessiert die Vielfalt menschlicher Geschichten. Die erzählte Erfahrung ist für mich die entscheidende Quelle aller Sozialwissenschaft. Aber die Schnelligkeit der Arbeit in diesen Gruppen ist reizvoll. Diese Leute geben einander zu verstehen, dass sie sich nicht langweilen wollen. Sie haben keine Zeit zu verschwenden.