CHROMOSOMENFORSCHUNG Frauen und Technik!
Warum Labors und Universitäten händeringend nach Naturwissenschaftlerinnen suchen
Aufgestellt zum Pressefoto, blicken 18 Männer in anthrazitfarbenen Anzügen in die Kamera. Darunter sind Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Mittendrin steht eine Frau, die Bundesministerin für Bildung und Forschung Edelgard Bulmahn. Sie fällt aber kaum auf, denn auch sie trägt Dunkles.
Die Runde ist um ein Lächeln bemüht und sieht doch aus wie ein Kirchenchor beim Miserere. Dabei sind dies die »Partner für Innovation« bei ihrem Start-up im letzten Jahr. Also jene vom Bundeskanzler zusammengetrommelten Chefs von Unternehmen und Spitzengremien der Wissenschaft, die voll sprühendem Optimismus dafür sorgen sollen, dass sich »Begeisterung für die Forschung« ausbreitet; dass vor allem Wissenschaft und Produktentwicklung besser verzahnt werden, damit Deutschland wieder nach vorn kommt!
Nichts gegen die Herren von Bertelsmann und EnBW, der Fraunhofer-Gesellschaft und Roland Berger, aber beim Anblick der Männergruppe kommen schon Fragen auf. Zum Beispiel: Warum bloß ist im sonst so medienwirkungsfixierten Kanzleramt so lange niemandem aufgefallen, dass man eine Initiative für morgen kaum mit monochromer Gestrigkeit zünden kann? Vor allem aber: Gibt es zwischen der Abwesenheit von Frauen in technikträchtigen Gremien und der sich dahinschleppenden Erneuerung in Deutschland womöglich einen Zusammenhang? Anders gefragt: Wenn zwischen den dunklen Anzügen mehr Seidenblusen in Apricot oder froschgrüne Kostüme leuchteten: Kämen Innovationen dann schneller voran? Eher noch langsamer? Oder wären es ganz andere?
Letzteres konnte man vermuten, als Bundespräsident Horst Köhler beim Besuch eines Bochumer Forschungsverbundes – vorher Bergbau, nachher High Tech! – ein Projekt der Telemedizin präsentiert bekam. Stolz führten Ärzte und Techniker Fortschritte bei der elektronischen Ferndiagnose vor: Der Patient filmt zu Hause per Videokamera seine Operationsnarben ab; die Bilder findet der Arzt in der EMail und versendet seine Therapieanweisungen per Knopfdruck. Die Männer im Raum sah man angetan nicken: »Zielführend.« Viele Frauen hingegen schüttelten leise den Kopf: Soll der Arzt im Patienten nur noch die Wunde sehen? Wo bleibt die persönliche Beziehung?
Oder ein Beispiel, das mehr weiblichen Technik-Enthusiasmus demonstriert: der Prototyp eines »Frauen-Autos« von Volvo. Bei diesem keineswegs schnuckligen, sondern schnittigen Flitzer gab eine vorwiegend mit Frauen besetzte Entwickler-Crew praktischer Erleichterung Vorfahrt vor Statusgedöns: etwa mit einer riesigen Ablage in der Mitte für Handtasche, Laptop, den ganzen Kram. Oder mit Seitentüren, die nach oben schwingen, während sich das Trittbrett absenkt; so kann man auch mit kurzem Rock aussteigen, ohne gegen die guten Sitten zu verstoßen – und vor allem schwere Einkäufe ohne Bandscheibenschaden ins Fahrzeug wuchten. Ideen, von denen nicht nur Frauen profitieren – auf die aber Frauen eher kommen. Dort wo es sie gibt…
Professorinnen in Informatik, Mathe, Physik? Eine Seltenheit
Denn überraschend ist es natürlich nicht, dass die Bundesforschungsministerin auf dem Foto so allein bleibt. Schließlich kommen hier zwei besondere Brachen weiblicher Beteiligung zusammen: erstens die Führungsebene, zweitens das Land der Technik. Auch eine Bioingenieurin wie Angelika Schnieke, die in Schottland an der Entstehung des Klonschafs Dolly beteiligt war und seit kurzem an der Münchner TU einen neuen Lehrstuhl aufbaut, kennt noch Sitzungen, »bei denen maximal drei Frauen unter 30 Männern hocken«.
In Europas Universitäten ist zwar der Anteil der Studentinnen in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern gestiegen. Aber je höher die Sprosse auf der Karriereleiter, desto weniger Frauen bleiben übrig: Europaweit sind 44 Prozent der Studienabgänger in Naturwissenschaften, Mathematik und Computerfächern weiblich – auf Professorenebene noch 14 Prozent. Ein Phänomen, für das die blumige Metapher von der leaky pipeline, der Pipeline mit Lecks, gefunden wurde.
- Datum 06.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.04.2005 Nr.15
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