Kino Quetsch die Kommode
In seinem Dokumentarfilm »Accordion Tribe« entdeckt Stefan Schwietert den Glamour eines unterschätzten Instruments
Sie ist nicht sexy, die Quetschkommode. Sie wissen es selbst, die Akkordeonspieler. Auf ihren Internet-Seiten sammeln sie Witze über ihr Instrument. Einer geht so: Wie bringt man zwei Akkordeonspieler dazu, im selben Rhythmus zu spielen? Die Antwort: Einen der beiden erschießen.
Ohne Kollateralschäden zu verursachen, suchen gleich fünf Schifferklavier-Virtuosen aus fünf verschiedenen Ländern als Accordion Tribe den gemeinsamen Takt. Und haben unerwartet großen Erfolg damit. Der schweizerische Filmemacher Stefan Schwietert ist den Musikern für Accordion Tribe – Music Travels mit der Kamera gefolgt, hat sie bei Proben beobachtet, sie in ihren Heimatländern besucht, auf Tournee begleitet und schließlich zu ergründen versucht, was die Faszination dieses Instruments ausmacht.
Guy Klucevsek, Initiator des Projekts und ganz amerikanischer Pragmatiker, wollte die kreativen Möglichkeiten des Instruments »feiern«; für die Finnin Maria Kalaniemi ist ihr Akkordeon vor allem Hort der Melancholie; der Schwede Lars Hollmer sucht mit seinem als altbacken verrufenen Klangkörper den Anschluss an die Avantgarde; der Slowene Bratko Bibic bewahrt die Volksmusik des Balkans vor nationalistischen Vereinnahmungsversuchen; und Otto Lechner, blinder Autodidakt aus Wien, schließlich findet: »Du kannst die verrücktesten, die konstruiertesten, die schrägsten Sachen spielen, und die Ziehharmonika macht es immer gemütlich.«
Fast scheint es, als sei auch Schwietert dem Sog der Vergemütlichung anheim gefallen, als hätte er sich dem natürlichen Rhythmus seines Gegenstandes angepasst. Zwar rückt er zwischen Hotelfrühstücksraum und Tourbus oder während des Besuchs im Akkordeon-Museum in Pennsylvania der Band, ihren gruppeninternen Konflikten und Prozessen sehr nahe. Die Geschichte der Handorgel aber bleibt ihm nur blässlicher Hintergrund, ebenso wie die gesellschaftliche Bedeutung des relativ jungen, im 19. Jahrhundert entwickelten Instruments, das zwischen den Weltkriegen massenhaft gespielt wurde und in den Tanzsälen Europas ganze Orchester ersetzte. Weder sein Siegeszug durch die Volksmusiken von Mexiko bis China interessiert Schwietert noch seine aktuelle Bedeutung, sein durch den Erfolg der Weltmusik befeuerter Einzug in die Popmusik.
Dass man mit Geschichten aus der Musik auch Geschichte erzählen kann, hat Schwietert selbst vorgemacht: In El acordeón del diablo (2000) widmete er sich zum ersten Mal dem Akkordeon, vor allem aber seinem Einfluss auf den Alltag Kolumbiens. Im mehrfach preisgekrönten A Tickle in the Heart von 1996 entfaltete sich um die musizierenden Epstein-Brüder herum die Geschichte des Klezmer, der jüdischen Wanderungen im 20. Jahrhundert und das Panorama einer Kultur zwischen Widerständigkeit und Wandel.
Diesmal aber konzentriert sich Schwietert lieber auf die auf die visuellen Qualitäten seines Gegenstandes: Verliebt beobachtet die Kamera das glitzernde Licht auf den Knöpfen aus Perlmutt, wie es schimmert durch den sich dehnenden Balgen. Virtuos lässt er die Kamera auf der Bühne um die Musiker rotieren und sucht Großaufnahmen von Instrumentendetails. Fast scheint es, als würden sie atmen, die Quetschkommoden, und durch ein Weitwinkelobjektiv gesehen wölben sie sich gleich noch einmal so eindrucksvoll.
Ansonsten verlässt sich Schwietert auf den steten Kampf der unterschiedlichen Charaktere sich zu einer Band zusammenzufügen. Der blinde Lechner, der die Bühne im Vergleich zu seinem Alltag als »erholsam« empfindet, hat sichtlich die geringste Scheu vor der Kamera und wienert sich zum heimlichen Star des Films. Wenn er nicht gerade das Navigationssystem im Tourbus beschimpft, begleitet, ergänzt und kommentiert er sein Instrument mit schnarrender Stimme.
Lechner ist einer, das darf man vermuten, der im Zweifel auch diesen Witz kennt: Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Akkordeonspieler? Der Terrorist hat Sympathisanten. Nicht zuletzt die Band Accordion Tribe hat dafür gesorgt, dass solchen Scherzen mittlerweile die Luft ausgegangen ist, und Schwieterts Film wird weiter dazu beitragen. Die Musikerwitze werden sich nun wohl Mundorgel oder Maultrommel zuwenden müssen.
- Datum 14.04.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 14.04.2005 Nr.16
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