Der Alltag des Münchner Therapeuten Burkhard Peter führt zur modernen Hirnforschung und zu einer ziemlich alten Weisheit: Mache aus deinem Leben eine Geschichte, viele Geschichten – und das Leben wird besser sein. Wer diesen Mann einige Zeit bei seiner Arbeit begleitet, stellt fest, dass es im Grunde darum geht, menschlichen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, ihnen ein Gesicht zu geben. Und begreift, warum es manchmal gar nicht wichtig sein muss, ob Geschichten objektiv wahr oder falsch sind.

München, Stadtteil Schwabing, hier arbeitet Burkhard Peter in einer stillen Seitenstraße. Institut für integrierte Therapie nennt sich seine Praxis, die er zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen betreibt. Ein paar tausend Patienten waren es sicher, die in all den Jahren hier vor ihm saßen. Erniedrigte und Beleidigte waren dabei, Verzweifelte, manchmal auch Böse. Vier oder fünf Sessel mussten über die Zeit ausgetauscht werden, irgendwie auch ramponiert von der Last der Probleme. Peter wollte nie eine Couch, die Patienten sollten ihm gegenübersitzen: "Für mich ist wichtig, dass ich den Leuten in die Augen schauen kann." Die dramatischsten Gefühle und Zustände sind ihm hier begegnet, die unglaublichsten Leben.

Einige Hirnforscher wie etwa der Frankfurter Wissenschaftler Wolf Singer haben unlängst eine heftige Diskussion ausgelöst, als sie behaupteten, der Mensch sei nach neuesten Erkenntnissen viel weniger frei, als man gerne glauben möchte. Peter sagt, diese Forschungen belegen, "was die Psychologie schon lange weiß". Der Mensch und sein freier Wille? Peter verzieht sein Gesicht. "Nein", sagt der Therapeut, "bei meiner Arbeit treffe ich kaum auf Menschen, die sich frei entscheiden können."

Da ist zum Beispiel jener Rechtsanwalt, der plötzlich, von einem Tag auf den anderen, schreckliche Angst vor riesigen gelben Baukränen hatte. Es war nicht einfach ein Unbehagen – wenn er in die Nähe eines solchen Krans kam, begann er am ganzen Körper zu zittern, sein Puls beschleunigte auf 200, er hatte das Gefühl, der Boden unter seinen Füßen beginne zu wackeln. Er musste umdrehen, weglaufen. Und plötzlich stellte er fest, wie viele Kräne in den Städten stehen.

Ein Anwalt, Mitte 30, ausgesprochen erfolgreich, aber auf einmal kann er ein Kongresszentrum nicht mehr betreten, obwohl er dringend hineinmüsste, um einen Vortrag zu halten. Er kann nicht, weil ein Kran davor steht. Er hat keinerlei Erklärung, woher diese Zustände kommen. Er kann sich nur immer wieder fragen: Was ist mit mir los?

Oder da ist diese Frau, 40 Jahre alt, mit schrecklichen Kopfschmerzen. Zwei- bis dreimal pro Woche kamen die Schmerzen. An diesen Tagen konnte die Frau nur noch im Bett liegen und leiden. Sie hatte Kinder, einen Mann, das, was man ein normales Leben nennt. Und diese Schmerzen. Sie konnte sich nicht erklären, woher ihre Migräne kam, die Ärzte auch nicht. Dabei gab es etwas, was sie hätte erzählen können, etwas Dramatisches. Aber sie konnte nicht. Der Kontakt zwischen ihr und dieser Geschichte war verloren gegangen.

Was geschieht in einer Psychotherapie? Es wird versucht, den Gefühlen des Menschen näher zu kommen, den Blockaden, den Irrungen. Jenen Ursachen also, die neben dem bewussten Leben der meisten Menschen existieren. Beim Psychotherapeuten landet, wer die Kontrolle verloren hat, wem es misslingt, alles erklären zu können. Oder der, der von einem Mediziner hört: Ich weiß nun auch nicht weiter, gehen Sie doch mal zum Psychologen! Dann die Therapie, die Couch oder der Sessel, bei einem wie Burkhard Peter in München. Man versucht an das Unterbewusste heranzukommen, das, was man nicht sieht, was man nicht denkt. Was aber auch da ist. Das Unterbewusste bezeichnet Peter als eine Art "Speicherort von Verdrängtem, Vergessenem, von Problemen, Ereignissen". Im Unterschied zum Unbewussten, das für ihn eine Instanz ist, "die man mobilisieren kann, um Probleme zu lösen". Sigmund Freud sagte einmal, am Anfang seiner Karriere habe die Frage gestanden, wer oder was das eigentlich sei, was da zu einem spreche, wenn beispielsweise die Psyche körperliche Beschwerden verursache. Freuds Lebensziel war es, eine Art Mechanik der Seele finden und beschreiben zu können, ähnlich den Funktionen des Körpers.

Rund acht Millionen Deutschen leiden an Depressionen und Ängsten, die oft psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben. Seit Jahren nehmen die Zahlen dramatisch zu. Vier von zehn Krankheitsausfällen haben psychische Ursachen. Damit hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen seit 1990 mehr als verdoppelt. Die wahren Zahlen dürften noch höher liegen, da vor allem Männer lieber eine Magenverstimmung als Grund für ihr Fernbleiben angeben als eine rufschädigende Depression.