Stütze der Wirtschaft
In Frankreich ist der Mindestlohn seit 55 Jahren etabliert. Er steigt kräftig – und soll den Konsum beflügeln
Schon seit 1950 gilt in Frankreich der gesetzliche Mindestlohn Smic (salaire minimum interprofessionnel de croissance). Anfangs war er starr, erst seit einem Generalstreik 1968 ist er an die Lohn- und Preisentwicklung gekoppelt. Er wurde für derzeit knapp drei Millionen Franzosen, also 13 Prozent der abhängig Beschäftigten, zur Existenzgrundlage; zu Beginn der neunziger Jahre waren es erst acht Prozent. Der Staat erhebt keinen Arbeitgeberanteil auf den Mindestlohn; die Unternehmen sparen fast alle Sozialabgaben.
Jedes Jahr am 1. Juli gibt eine Regierungskommission den aktuellen Minimallohn bekannt. Er beträgt jetzt 7,61 Euro pro Stunde – 1154,18 Euro im Monat bei 35 Wochenstunden. In den fünfziger Jahren waren die meisten Smic-Bezieher in Landwirtschaft und Industrie beschäftigt. Heute findet man sie in Gastronomie und Haushalt (35 Prozent), im Handel (20 Prozent) sowie in Erziehung und Gesundheit (15 Prozent).
Die Gewerkschaften verteidigen den Minimallohn, ohne den die Hälfte der Betroffenen für weniger Gehalt arbeiten würde. Allerdings fordern sie, die Mindestlöhne europaweit einzuführen. Die Arbeitgeber klagen hauptsächlich über die automatischen Erhöhungen, die sich von der Produktivität abgekoppelt hätten und nicht nach Branchen abgestuft sind. Ihr Verband Medef schätzt, dass die mehr als 20-prozentige Erhöhung seit 2000 bis zu 500000 Arbeitsplätze gekostet hat.
Sozialexperten dagegen streiten den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Mindestlohn ab. Ein Absinken des Konsumniveaus durch den Wegfall des Smic würde größere gesamtwirtschaftliche Schäden anrichten als die Gefahr, mit dem Smic ungelernte Kräfte überzubezahlen. Dass gerade Geringqualifizierte durch das Minimalsalär in die Arbeitslosigkeit gedrängt würden, bestreiten die Verteidiger des Mindestlohns. Aber schon heute bewerben sich um Smic-Stellen so viele gelernte oder gar akademisch gebildete Kräfte, dass für die Schwervermittelbaren kaum noch Jobs bleiben.
Die konservativ-liberale Regierung will am Smic nicht rütteln. Sie sorgt vielmehr gerade am unteren Ende der Lohnskala für die größten Zuwächse – im laufenden Jahr mit einer Erhöhung um rekordverdächtige 5,8 Prozent.
- Datum 14.04.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 14.04.2005 Nr.16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



