Führer ohne Volk

Zypern wählt - und Rauf Denktas tritt nach dreißig Jahren ab. Seiner türkisch kontrollierten Republik laufen die Bürger davon von Guenter Seufert

Am 17. April endet die Herrschaft von Rauf Denktas, Staatspräsident der Türkischen Republik Nordzypern, ganz ordentlich in Wahlen. Der alte Mann tritt nicht mehr an. Dreißig Jahre, vier Jahre mehr, als die Amtszeit von Papst Johannes Paul II. währte, hat Denktas die türkische Volksgruppe auf der Insel geführt. Der 81-Jährige ist inzwischen der dienstälteste Staatschef der Welt - aber sein politisches Projekt, die unabhängige Türkische Republik Nordzypern (TRNZ), ist gescheitert.

Die Regierung des Politveteranen begann 1975 nach der türkischen Invasion von 1974 und der Konstituierung eines Teilstaats im Norden der Insel. 1983 rief Denktas seine unabhängige Republik aus. Drei Jahrzehnte lang galt Denktas unangefochten als Führer der türkischen Volksgruppe, doch heute bescheinigen Umfragen seinem politischen Rivalen, dem Ministerpräsidenten Mehmet Ali Talat, mit 60 Prozent der Stimmen eine klare Mehrheit.

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Denktas' Republik hatte von Anfang an wenig Chancen. Die UN reagierten auf ihre Ausrufung mit der Verhängung eines Embargos, das bis heute anhält - Druck der Großmächte verhinderte die diplomatische Anerkennung der Minirepublik. Im Mai vergangenen Jahres nahm die EU die griechisch regierte Republik Zypern als alleinige Vertreterin der Insel auf. Ihr Widerstand verhindert bis heute, dass Brüssel die türkischen Zyprioten für ihr Ja zum Vereinigungsplan des UN-Generalsekretärs Annan belohnen und die wirtschaftliche Isolierung des türkischen Nordens beenden kann.

Hilflos hängt die TRNZ deshalb am Tropf von Ankara. Post, Telefonlinien, Flug- und Schiffsverkehr gehen ausschließlich über die Türkei, für Reisen ins Ausland brauchen ihre Einwohner türkische Reisedokumente. Die türkische Lira ist offizielle Währung, die Türkei schießt Jahr für Jahr Unsummen zu und hat, angeblich, um die Inseltürken vor den Inselgriechen zu schützen, 35 000 Soldaten auf der Insel stationiert. Kein Wunder, dass die Welt nur einen Staat sieht, wo Ankara und Denktas vorgeben, es handele sich um deren zwei.

Denktas hat es schlicht nicht zu einer eigenen Nation gebracht. Als Retter und Befreier von griechischer Bedrückung begrüßten die Zyperntürken 1974 die türkische Armee, doch Ankaras Politik entfremdete die Zyprioten gründlich.

Das türkische Militär fühlte sich als alleiniger Herr im Haus, und die Türkei überschwemmte die Insel mit Einwanderern aus Süd- und Südostanatolien, so lange, bis sich die Zyperntürken erneut in der Minderheitenrolle sahen, diesmal im eigenen türkischen Staat. 110 000 der 200 000 Einwohner Nordzyperns kommen aus Anatolien, andererseits leben mittlerweile 40 000 Zyperntürken im Ausland, meist in London.

Die Dagebliebenen betreiben heute Abstimmung nicht mit den Füßen, sondern mit dem Reisepass. Seit Öffnung der Grenzen besorgten sich 30 000 von ihnen den Pass der Republik Zypern und haben damit Reisefreiheit in Europa. 50 000 weitere Anträge liegen vor. Sind die bearbeitet, ist die Republik Nordzypern so etwas wie ein Staat ohne Bevölkerung. Denn für kaum einen ihrer Bürger ist sie dann noch ausschließlich zuständig. Die Einwanderer aus Anatolien haben auch türkische Pässe und die Zyprioten auch die Pässe der griechisch regierten Zyprischen Republik. Sein politisches Leben lang hat Denktas für einen eigenen Staat der Zyperntürken gestritten. Sie laufen diesem Staat heute davon - als Folge seiner Politik.

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