Gewerkschaft Die geheimen Treffs der Chef-AG
Wie sollen sich die Gewerkschaften künftig positionieren? Die Vorsitzenden suchen hinter verschlossenen Türen nach Einigkeit
Jürgen Peters gibt sich gewohnt kämpferisch. Der Erste Vorsitzende der IG Metall spricht in einer großen Halle in einem Kongresszentrum im östlichen Berlin, rund 500 Teilnehmer eines Gewerkschaftskongresses zur Zukunft des Sozialstaates hören ihm zu. Er wettert gegen die »Reichen und Einflussreichen«, die den Sozialstaat auf ihre »Abschussliste« gesetzt hätten. Er höhnt über den »so genannten Renten-Papst Bert Rürup« und dessen »dogmatischen Starrsinn«. Und er fordert, die Gewerkschaften müssten ein eigenes Reformprogramm entwickeln.
Was er nicht erwähnt: Zusammen mit den Chefs anderer Gewerkschaften bastelt Peters bereits an einer Reformagenda. Schon seit Wochen trifft sich die Chef-AG – zuletzt wenige Tage vor dem Kongress –, um über Sozialreformen zu reden und sich politisch anzunähern.
Der exklusive Zirkel hat sich hinter den Kulissen der Gewerkschaftsapparate gebildet. Er umgeht bewusst, was sonst für Entscheidungsprozesse in den Arbeitnehmerorganisationen typisch ist: langwierige, von allerlei Taktik geprägte Verfahren, bei denen zahllose Funktionärsebenen und Fachgremien mitreden. Normalerweise werden jede Menge Papiere zwischen den Arbeitsgruppen für Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik, dem Bildungsausschuss und den korrespondierenden Gremien beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und bei den Einzelgewerkschaften herumgereicht. Dieses Mal läuft alles anders.
Bis in die Führungsstäbe hinein scheint daher unklar, was genau bei den Spitzentreffen herauskommen soll. Da versucht ein hochrangiger IG-Metall-Funktionär den Eindruck zu erwecken, eine solche Gruppe gäbe es gar nicht. Politische Leitlinien würden auf Kongressen und in den offiziellen Gremien erarbeitet. Hubertus Schmoldt hingegen, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, erklärt offen die Idee hinter der Runde der Vorsitzenden: »Manchmal ist es besser, erst die Generalisten an ein Thema zu lassen und dann die Details zu klären, als es andersherum zu probieren.«
Auch über die Inhalte der bisherigen Gesprächsrunden herrscht in den Apparaten Unklarheit. »Ich weiß nicht, was da besprochen wird«, sagt selbst ein Gewerkschaftsvize. Dagegen berichtet ein Mitarbeiter von großen Fortschritten: »Die Chefs haben sich committed.« Auf eine gemeinsame Agenda hätten sie sich verständigt, zu der sie bis zu einer Klausur im Sommer Ergebnisse erzielen wollten.
Der Grund für das Zusammenrücken der Gewerkschaftsbosse findet sich in einem etwa 50-seitigen internen Papier des DGB. »Turnaround!« steht auf der Mappe und, in Großbuchstaben, »VERTRAULICH«. Verfasst wurde es von einer 18-köpfigen Planungsgruppe mit dem Namen Weiterentwicklung des DGB, die das Dokument im Januar dem DGB-Bundesvorstand vorlegte.
Der Inhalt: eine Analyse der derzeitigen Lage der Gewerkschaften und ein Kompendium an Vorschlägen für den Umschwung, den erhofften »Turnaround«. Schonungslos fällt das Urteil über die Lage aus: »Gewerkschaften sind in der Dauerdefensive«, heißt es da. Es fehle an ausreichend attraktiven »Kampfzielen«. »Die oft bittere Realität ist der Rückzug auf Raten.« Ausführlich wird eine alarmierende Entwicklung analysiert: Seit 1991 ist die Zahl der Mitglieder in den DGB-Gewerkschaften von knapp zwölf Millionen auf rund sieben Millionen geschrumpft. Und die Autoren warnen: »Ein weiterer Rückgang der Mitgliederzahlen ist absehbar« – mit »tiefgreifenden Folgen« für die Finanzen des DGB. Andere Verbände dagegen, auch das wird mit Grafiken und Zahlen ausführlich dargestellt, verzeichneten seit Jahren deutlich steigende Zahlen, etwa der Deutsche Beamtenbund.
- Datum 14.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.04.2005 Nr.16
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