Musik Das Maultier ist unser Wappen
Warren Haynes und seine Band Gov’t Mule besiegen den Pop und die Gegenwart mit Blues-&-Soul-Rock und viel Geschichte
Hamburg-St. Pauli, letzten Sonntagnachmittag. Von der Josephskirche läuten die Glocken. Die Gläubigen strömen – wenige ins Gotteshaus, viel mehr zum Tempel gegenüber. Dort, in der Großen Freiheit, wird heute – erstmals in Deutschland! – jene sagenhafte US-Band spielen, deren Ankündigung auf Bluesfreaks, Popverächter und Gitarrensäufer wirkt wie ein Gestellungsbefehl. Horch, sie checken schon den Sound. brettert durch die Wände. Ohrstöpsel gibt es bei der Klofrau. Wir werden sie brauchen.
Seltsamer Name: Gov’t Mule. Ein Maultier sei der Süden, steht bei William Faulkner. Sechs Tage lang schleppt es Lasten und erträgt die Schläge. Am siebten Tag beißt es zurück und blökt sein Elend in die mitleidlose Welt. Nackt und a capella wurde vor zehn Jahren der Klang von Gov’t Mule geboren, im bebenden Soul-Vibrato des Südstaatlers Warren Haynes: Don’t you mind people grinnin’ in your face/ They jump you up and down / They’re draggin’ you around and ’round / You just bear this in mind / A true friend is hard to find… Und dann brüllte die Gitarre, getrieben von Bass und prügelnden Drums, und Haynes orgelte den Blues to Mother Earth de profundis der geschundenen Kreatur.
Den Hörer überlief’s bei dieser Überwältigungsmusik, die völlig aus der Zeit gefallen schien. Free und die frühen Led Zeppelin lugten aus der Kiste, Mountain, Jimi Hendrix, Jazz & Gospel, John Coltrane. Und natürlich die auferstandene Allman Brothers Band, der Haynes und Bassist Allan Woody seit 1989 angehörten. Der dritte Mann bei Gov’t Mule war Drummer Matt Abts. Haynes plante das Trio als Seitenprojekt für Songs, die nicht ins Konzept der Allmans passten. Die Sache wuchs, die Platten gediehen. Dose (von 1998) und Life Before Insanity (2000) waren trotz des begrenzten Trio-Formats wie spannende Bücher. Die Egomanie, das infantile Protz-Genudel vieler Gitarreros geht dem Teamplayer Haynes völlig ab.
Am 26. August 2000 wurde Allan Woody tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Haynes und Abts ersetzten ihn auf Jahre nicht, sondern schufen ihr Deep End- Projekt: zwei Doppel-CDs mit 25 wechselnden Bassisten. Zwölf von ihnen vereint The Deepest End. Das 2003 im Saenger-Theater von New Orleans aufgenommene fünfeinhalbstündige Konzert ist bislang das Live-Opus-magnum der Band (preiswert erhältlich als Doppel-CD/DVD-Pack). Selten hätten die Rock-Geister so im Archiv rumort, schrieb Thomas Steinfeld kürzlich in der Süddeutschen Zeitung und pries Gov’t Mule als das Beste, »was nach dem Ende der heroischen Periode in der populären Musik« an Blues-&-Soul-Rock entstanden sei. Mehr als jede andere inszeniere diese Band Pop-Geschichte, gegen die unablässigen Augenblicksreflexe des Gegenwarts-Pop.
Das stimmt. Und es ist deutsch empfunden. Hiesige Pop-Diskurse schalten Musik gern in Reihe und ordnen sie einander nach. Was älter ist, soll sterben. Amerikanische Musiken leben parallel, gleichberechtigt zeitgenössisch – jegliche in ihrer Welt, selten simultanisiert. Alter schändet nicht. Keineswegs empfinden die Mule-Mannen ihr Treiben als Inszenierung, noch als antiaktuell, noch überhaupt als Pop. Pop, das sei Radio, MTV und zur Vergänglichkeit verdammt. Wir sind im Kern eine Rock-’n’-Roll-Band, erklärt Haynes. Da gibt’s Geschichte, wir haben unsere Einflüsse, aber wir schaffen ständig neue, heutige Musik. – Wir sind in Amerika fast Underground, sagt Abts. Britney Spears, sagt Haynes, hat mehr Platten verkauft als Led Zeppelin, aber frag mal in 20 Jahren nach Britney Spears.
Gov’t Mules neue Platte heißt programmatisch Deja Voodoo. Die Band ist nun ein Quartett mit Andy Hess am Bass und Danny Louis, der klassisch Orgelschleier flattern lässt. Jawohl, auch Matt Abts’ Schlagzeugsoli, anderwärts seit knapp hundert Jahren als Lebenszeitdiebstahl verboten, sind Mule-Fans hochwillkommen. Tabu ist Rockstar-Gehabe. Es muss der Band gefallen, wie brüderlich man sie als späte Fackelträger liebt, und als Lasttier für die Tonnagen von Romantik, Pathos, Überschwang, die derlei Musik in ihren jungen Jahren fabrizierte und später nicht zu entsorgen wusste.
Trommeln wie ein Scheunendrescher, dazu die Brutalo-Klampfe
Besonders Haynes bürdet sich viel auf. Nicht nur, dass er bei den Allman Brothers anstelle des toten Göttergitarristen Duane Allman spielt, vorigen Sommer tourte er mit den Überlebenden der Grateful Dead, eingesprungen für den unersetzlichen, jedoch nachweislich gleichfalls toten Jerry Garcia. Das war mir anfangs etwas heikel, sagt Haynes. Aber die deadheads akzeptierten mich, und ich konnte Jerrys wunderbare Balladen singen.
- Datum 14.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 14.04.2005 Nr.16
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