In fremden Betten

Villa Dievole, bei Siena

Mario Schwenn möchte Mario di Dievole sein. Seit Jahren arbeitet er an der Metamorphose. Denn Dievole, »Gott will es«, ist sein Lebensinhalt geworden. Dievole, das sind 400 Hektar Wiesen, Felder, wilde Wälder, Hügel, Hänge, Olivenbäume, Gestrüpp, Zypressen, holprige Wege, Häuser, Gehöfte. Fast ein Viertel davon allerdings sind Weingärten. Mit Trauben wie Sangiovese, Trauben, aus denen Rotwein wird, Chianti zum Beispiel. Dievole liegt so klassisch, wie ein Weingut in der Toskana nur liegen kann – im Herzen des Chianti Classico, zwölf Kilometer nördlich von Siena, die Hänge des Chianti-Gebirges als Hintergrund. Und über allem waltet Mario Schwenn.

Der Wein ist das Allerwichtigste, und auch nur deshalb gibt es hier überhaupt die Möglichkeit, ein paar Tage zu entspannen. Also muss man zuerst ein bisschen über den Wein erzählen.

Ende der sechziger Jahre wurde in Italien die Halbpacht aufgehoben. Bis dahin hatten Pächter das Land bestellt, das Adligen gehörte, und mussten die Hälfte des Gewinns abliefern. Das war nicht eben demokratisch, aber nachdem die Halbpacht abgeschafft war, fehlte den Adligen das Geld, den Boden mit fremder Hilfe zu bewirtschaften, und die Pächter suchten sich andere Jobs. So kamen ausländische Investoren in die Toskana und übernahmen Weingüter. Auch der Vater von Mario Schwenn. Seinen damals 20 Jahre alten Sprössling, der vorher als Vertreter für deutschen Wein durch Amerika gereist war, setzte er als Verwalter ein. Doch Schwenn junior wollte sich nicht allein um die Investoren kümmern, sondern zusammen mit den früheren Pächtern besonderen Wein machen. 1989 kam die erste Ernte auf den Markt. Heute stammen gut beleumundete, häufig im Barrique ausgebaute Rotweine vom Weingut Dievole, Chianti Classico wie der Vendemmia, der edle Novecento, aber auch der Broccato aus Sangiovese, Merlot und Cabernet Sauvignon. Das ist in groben Zügen die Geschichte.

Anzeige

Und weil die Leute, die den Wein kaufen, auch mal übernachten wollten, wurden in der Villa des Anwesens schon vor einiger Zeit Gästezimmer eingerichtet. Durchaus unterschiedlich. Mal eher nicht so geräumig, mal ein Appartement mit zwei großzügigen Zimmern, mit Muranoleuchter, Sitzecke und schweren Vorhängen.

Dann war es die Mutter von Mario Schwenn, die noch mehr wollte. Sie wollte eine 200 Jahre alte Gebäudezeile um- und ausbauen, trieb ihren Sohn dazu an, richtete selbst ein. So sind knapp zwei Millionen Euro später gleich gegenüber von Hauptvilla, Kapelle und Weinkellern Suiten genannte, Ferienwohnungen gleichende Appartements entstanden. In der Residenza Colombaio wohnt man, wie Gäste auf dem Land leben, wenn sie Geländewagen fahren, zur Fuchsjagd reiten, Landhausmode tragen: gepflegt-rustikal in Räumen, die schlicht, doch stilsicher ausgestattet sind. Ein paar dunkel gealterte Möbel, Spiegel, hier frei liegende Holzbalken, dort ein geziegelter Rundbogen, Betten, so klug verschraubt, dass ihre Gitterstangen nicht an die Mauern schlagen können, Stiche von Tieren, von Pflanzen an geweißten Wänden, großer Esstisch, kleine Küche, Fernseher. Und teils auch noch ein Extrazimmer für die bambini.

Man trifft sich an einem der beiden Pools oder beim alten Brotbackofen, man liegt in der Sonne, umgeben vom Duft Italiens, Zypressen, Oleander, Rosen und Rosmarin in Sichtweite, man genießt den Blick übers Land, die Hügel, die Farben, man nimmt einen Schluck Wein, man nascht ein Stück Käse und ist dem lieben Gott dankbar, dass es die Toskana und ihre Weingüter gibt. An manchen Tagen trifft man sich zum Barbecue zwischen Olivenbäumen, zum Menü an der langen Tafel im Weinkeller, oder man lässt sich eine Liege zwischen die Reben stellen und dort massieren, oder man macht einen Ausflug nach Siena.

Das ist das Italien, das wir lieben. Aber uns nicht alle Tage leisten können.

Villa Dievole, I-53010 Vagliagli-Siena, Tel. 0039-0577/322632, www.dievole.it , Suiten in der Residenza ab 170 Euro (mit Frühstück), eine Woche ab 1020 Euro, Zimmer im Haupthaus ab 132 Euro

 
Service