"Glücklich sein und gleichzeitig den lauernden Tod zu beweinen, das ist für mich eins."

Jacques Derrida

Wie halten das manche nur aus? Zu wissen, dass fast alles, was uns so wichtig erscheint, nichts ist? Wie gelingt es nur, sich unreflektiert in Details zu verlieren, in Momenten, die ein Leben zusammensetzen? Woran man alles leiden kann. Wie das alles SCHWIERIG ist. Los geht’s: Beim Durchzappen im Fernsehen neulich irgendwo, würde zu Talkshow-Spaßvogel Fliege passen, eine erwachsene Frau, die ein Buch über ihre Einsamkeit als Kind geschrieben hatte. Die Eltern waren 68er und hatten sie abends manchmal ein paar Stunden alleine gelassen! Diese Abgründe, nicht auszuhalten. Da ist ja alles falsch gelaufen, bei jedem. Dann Älterwerden, durch die Hölle der Schule gehen, Außenseiter sein oder Streber, erwachsen werden daran und einsam. Weil der andere nicht will. Weil er sich nicht binden kann oder gerade in Trennung lebt oder eine schlechte Kindheit hatte und haut. Oder er will, aber dann – na danke: Wie er isst und wie er geht und was er sagt und wie UNAUFMERKSAM, wie ignorant, verletzend und grausam kann er denn sein. Nie hört er zu, schaut er hin oder im richtigen Moment weg. Dann kommt das Kind. Da hat man keine Zeit für sich, der Mann geht fremd, die Stillgruppe ist ätzend, die Freundinnen sind weg, das Kind nimmt Drogen oder keine, auf jeden Fall ist es NIE DANKBAR genug.

Der Beruf – Selbstverwirklichung, natürlich. Wenn man nicht arbeitslos ist, ist der Chef unfähig, könnten wir besser, tun wir aber nicht, weil wir gemobbt werden oder Frau sind oder Mann, und das ist ja auch alles ein Problem. Männer weinen in Männergruppen, Frauen beten für den Papst. Die Rechnungen, die Steuer, der Arzt, die Gallenblase, die Momente, die das Leben sind, Sie wissen schon. Nein, es gibt so viel Schönes, man muss doch dankbar sein – einen Sonnenauf- oder untergang, eine neue Hoffnung, eine neue Liebe, einen neuen Urlaubsort, Momente bilden 14 Tage lang, und dann muss man wieder heim. Ins Büro. Himmel, wie man das Büro hasst, WAS TUN WIR DA NUR ALLE? Wie kann man leben und sich der Vergänglichkeit wirklich bewusst sein? Das geht doch nur mit Verdrängung, sonst würde man das Bett doch nicht mehr verlassen. Wir müssen dem Mist eine Chance geben, den Nichtigkeiten eine Bedeutung, weil wir sonst vor Angst erstarren würden. Ob der Erde, die schon bald auf uns fällt. Oder des Knopfs im Krematorium, der gedrückt wird.

Ich habe neulich ein Schweizer Krematorium besichtigt. Welche Sorgfalt und Güte da obwaltete, schön war das, ein Moment des Friedens, ehe ich mich wieder vergaß und mich aufregte. Über irgendwas. Den Verkauf der Swiss an die Lufthansa, die Übernahme der Schweiz durch Deutschland, kann man denn vor denen nirgends hinfliehen, hundertfünfzigtausend Deutsche in Zürich, und erschütternd – ich bin eine von ihnen. Was könnte ich mich wieder aufregen. Nie, nie kann man sich sicher sein, dass der Lebensentwurf, für den man sich mitunter nicht einmal entschieden hat – bin da so reingerutscht –, der richtige ist. Jeder lebt in seiner kleinen Welt. In der Schreiberwelt, in der Vetreterwelt, in der Welt der Prostituierten, der Großunternehmer, der Manager, der Zeitungshersteller, und keine berührt sich mit einer anderen, jede scheint uns die einzig wahre. Was aber, wenn wir in einer anderen Welt viel glücklicher gewesen wären? Die sich zusammenreißen, forschen und versuchen, Aids zu besiegen oder Beriberi. Und manchmal gelingt es, dann werden Millionen Leben gerettet. Kurzfristig. Weil gewinnen werden wir nie. Keine zweite Chance gibt es. Das lässt einen doch ganz starr werden von Zeit zu Zeit. Sitzen, in den Himmel stieren und auf Humor hoffen, der über einen kommt und einen lachen lässt über Unbill und den Quatsch, der das Leben ist.

Was kann man tun, mit dieser Traurigkeit im Bauch, die jeden Tag mit einem spazieren geht? Lächeln und alles richtig machen. Alles so gut machen, wie es eben geht. Wozu? Nein, es macht alles keinen Sinn, so sehr jeder auch danach suchen mag. Das Leben sind keine kleinen Momente, es ist ein großer Quatsch. Doch zum Glück vergessen wir die Generalübersicht wieder, verlieren uns in einem warmen Abend, ein kleiner Hund tanzt auf einer Lichtung, wir sehen eine Oma, vielleicht ist es unsere, wir waren nett zu ihr, sie lächelt, wir legen den Kopf auf den Bauch unseres Mannes, das Kind macht nette Geräusche, die Suppe ist gut, der Fernseher aus, und für einige Sekunden stimmt alles wieder überein, es gibt uns nicht, den nahen Tod, den Ärger. Und wir wissen immer noch nicht, was alles soll, aber es ist uns für ein paar Minuten völlig egal. Sibylle Berg