Nachruf
»Besiegte Menschen neigen zum Witz«
Zum Tode des großen amerikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Saul Bellow
Wenn es, einer Auskunft des schizophrenen Dichters Alexander März zufolge, schier unmöglich ist, mit der Mutter an der Hand Fußball zu spielen, wie schwer muss es erst für einen ostjüdischen Einwanderer sein, » mit Jehova zu leben« und gleichzeitig ein glücklicher Amerikaner zu werden. Bei Gott »kein Zuckerschlecken«, meinte Saul Bellow im Rückblick auf sein Lebensthema. Nein, eher wohl eine Zerreißprobe, ein der besonderen Art und der besonderen Komik.
»Wenn ich den Verstand verloren habe, soll’s mir auch recht sein…« – so beginnt schon Bellows berühmtester Roman Herzog (1964). Dabei hat sich Moses Herzog, Philosophieprofessor in Chicago und Bellows wohl maßstabsgetreuestes Alter Ego, doch alle Mühe gegeben, ein gut aufgestellter amerikanischer Ehemann und Vater zu sein und den geheiligten Konsum, den Metabolismus des Kapitals, in Ehren zu halten. Doch wenn man von Kindesbeinen an seine Anweisungen von Jehova erhält, ist die Menschwerdung zum Amerikaner naturgemäß erschwert.
Herzog wuchs wie Bellow selbst (geboren 1915 in Lachine/Kanada) und viele seiner Protagonisten als Kind russisch-jüdischer Einwanderer im Mittleren Westen auf, in Chicago, wo »das Sittengesetz nie dicker als Luftpostpapier war«, und er ist nun mal überzeugt, dass es »moralische Wirklichkeiten« gibt und dass das Leben zu heilig ist, um es zu verplempern. Zur eigenen Gewissenserforschung schreibt er fieberhaft Briefe an seine teuren Toten und Memoranden an sich selbst, bevor er seiner Freundin gestattet, ihn »durch das Geschlecht zu erlösen«. Zwei Ehefrauen hat er so schon in die Flucht geschlagen. Aber so sind sie, die echten Bellow-Helden. Lieber verlieren sie ihren Verstand als ihre Seele. Lieber scheitern sie frohgemut, als in der Komödie der Anpassung zu reüssieren, denn das hieße, ihr jüdisches Erbe zu verraten.
Herzog oder Charles Citrine, der Erzähler des Romans Humboldts Vermächtnis (für den Bellow 1976 den Nobelpreis bekam), ein glückloser Schriftsteller, der den lieben langen Tag und halben Roman lang auf dem Sofa liegt, Todesanzeigen liest und sich beim Anblick seiner Kaschmirsocken vorstellt, dass »die Füße der Begrabenen sich aufriffelten wie ein Tabakblatt« – diese und alle anderen von Schuld- und Sühnekomplexen gebeutelten Bellow-Heroen sind Kraftwerke des Wissens. Unermüdlich arbeiten die »Klappermühlen ihrer Ganglien«, aber für die modernen Stellungskriege sind sie schlecht gerüstet. Sie wollen Amerika retten, aber stolpern mit offenen Schnürsenkeln durchs Leben und sind dem Kartell aus blutsaugerischen Ehefrauen und Scheidungsanwälten hilflos ausgeliefert. Ihr einzig unverlierbares Kapital: ein schockartig aufflackernder Witz, der von Hysterie kaum zu unterscheiden ist. »Besiegte Menschen neigen zum Witz.«
Der Witzigste und Besiegteste von allen: Mr Sammler, polnischer Jude und Überlebender des Holocaust. Er hat nur ein Auge, aber mit dem sieht er überscharf: Barbaren, Schwule, Sexualfantasten, Blaustrümpfe, Affen, Nachbeter… In seiner bockigen Weltfremdheit erinnert Sammler an Nabokovs Professor Pnin, den unfreiwilligsten und verlorensten aller unfreiwilligen Amerikaner. Bellows Protagonisten sind alle ein wenig pninisiert.
Was war los mit Mr Bellow? Er war, man spürt es, sehr verärgert, als er den Roman (Mr. Sammlers Planet) schrieb. Das »Berberaffengeheul« in den Straßen, der ideologische Krampf in den Hörsälen brüskierten den ehemaligen Trotzkisten zutiefst. Er galt jetzt als »Scheißliberaler«, wenn nicht Schlimmeres. Die Literatur als bourgeoises Überbau-Delikt.
Die Ignoranz der 68er hatte sich für Bellow nicht verloren, nur verwandelt in eine postmoderne, der er ebenso wenig abgewinnen konnte. Aber er war in den letzten Jahren längst kein zorniger Mann mehr, der wunderbar delirante Schwung und Überschwang, der Bellovian flavour seines Erzählens, waren passé. Bellows Dämonen waren abgezogen. Seine Figuren seit langem ausgezählte, k.o. gegangene Veteranen der Liebe, die nur noch den bescheidenen Wunsch haben, mit sich ins Reine zu kommen, Versäumnisse und Sünden gegenüber Freunden, Verwandten, veruntreuten Geliebten wiedergutzumachen. Kein amerikanisches Happy End, sondern eher ein jiddisches. Das, was Max Brod einmal bei Scholem Alejchem als »quasi biedermeierliches Lächeln« und »eine Art Friedensschluss mit dem Weltlauf« genannt hat.
Es ist wie mit der kräftigen Konstitution, die Bellows Helden alle haben und die beharrlich gegen ihre Hypochondrie anarbeitet. So beharrlich arbeitet ihr unerschütterliches Gottvertrauen auf einen guten Ausgang hin. Bellow hat seine illuminierten Narren von allem Selbsthass und Dünkel befreit, und wir sehen ihnen noch lange ergriffen nach, wie Chaplin am Ende von Goldrausch, wenn der tapfere Kerl ganz klein in der Mitte des Bildes verschwindet. Alles ist Spiel und Traum. Am vorvergangenen Dienstag ist der »king of the cats« (so John Updike) der amerikanischen Literatur im Alter von 89 Jahren gestorben.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 14.04.2005 Nr.16
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