Seit über zwanzig Jahren lebt die Lyrikerin Sarah Kirsch in einem kleinen norddeutschen Dorf hinterm Deich. Früher gemeinsam mit Esel und Schafen, heute nur noch mit zwei Katzen. Wir haben Sarah Kirsch in ihrem Haus, einer alten Schule, gemeinsam mit der jungen Berliner Lyrikerin Marion Poschmann besucht. Das Gespräch zwischen den beiden Dichterinnen, aus Anlass des 70. Geburtstags von Sarah Kirsch, dreht sich um das Glück, die Schwierigkeit, "ich" zu sagen, das Alter und die Schönheit der Welt

DIE ZEIT: Wie wird man eigentlich Dichterin?

Sarah Kirsch: Ich hatte als Kind im Krieg wenig Spielzeug. Aber meine Mutter hatte eine riesige Knopfsammlung. Da gab es die schönsten Perlmuttknöpfe, ach, das waren Wahnsinnsknöpfe, damit habe ich gespielt. In dieser Sammlung gab es einen Dichterknopf, die Löcher waren die Augen. So hat das angefangen.

Marion Poschmann: Ich wollte schon als Kind Schriftstellerin werden, ich habe immer in der Literatur gelebt. Lange Zeit habe ich heimlich geschrieben. Aber plötzlich hatte ich das Gefühl, dies ist jetzt das erste eigene Gedicht, jetzt wird es ernst.

Kirsch: Als ich vierzehn war, habe ich meine ersten Gedichte in Schulhefte geschrieben. Dann habe ich versucht, einen Roman zu schreiben, aber ich hatte ja viel zu wenig erlebt, um einen Roman zu schreiben.

ZEIT: Spielt für die Lyrik das Erleben eine geringere Rolle?

Kirsch: Da kann man sich von allen Seiten bedienen.