Interview Man muss demütig und einfach seinSeite 9/13

Poschmann: Wie wichtig waren Freunde für Sie?

Kirsch: Die Freunde haben eine große Rolle gespielt. Wir mussten uns zusammenrotten gegen die anerkannten Parteidichter, die heute niemand mehr kennt. Wir waren sehr stolz, haben immer zusammengearbeitet, zusammen dieselben Dichter entdeckt, Ewald von Kleist zum Beispiel, die jungen Russen. Wir wussten immer alles über alle, dieser Jahrgang 35, das war ein Haufen Leute. Auch Grass und Meckel und viele andere aus dem Westen kamen häufig dazu. Da war nicht ein einziger Spitzel dabei. Das war wunderbar. Jeder hat jedem sofort geholfen.

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ZEIT: Frau Kirsch, Sie waren 48 Jahre alt, als Sie hierher in die norddeutsche Einsamkeit an den Eiderdeich gezogen sind. Warum?

Kirsch: Die Öffentlichkeit und die Rolle, die man dort spielt, sind mir sehr langweilig. Ob das hier gut ist oder nicht gut ist, ist mir ganz egal. Ich will kreatürlich, lebendig sein. Früher wollte ich mich mit diesem Naturkram nicht zu viel einlassen. Dann bin ich durch Amerika gefahren, durch diese Weiten, die Wüsten. Danach bin ich in Berlin schon in Tränen ausgebrochen, wenn ich bloß so ’n Ast mit Tropfen dran gesehen habe. In Berlin gibt es ja keine Jahreszeiten und nüscht. Bei mir gehen Entschlüsse immer ruck, zuck. Ich wollte weg. Inzwischen hänge ich sehr an dieser sehr merkwürdigen Gegend. Ich muss das jetzt alles hier beschreiben, das ist wie ein Auftrag, den ich übernommen habe. Ich grase das hier ab wie ein Schaf, fresse das, bis alles gefressen ist.

ZEIT: Hat sich Ihr Leben hier draußen in einem solchen Maß erfüllt, dass das Schreiben immer unwichtiger wird?

Kirsch: Merkwürdigerweise kann ich dasselbe immer wieder von einem anderen Punkt aus beschreiben. Ich habe schon so viele Gedichte hier gemacht. Dann, in meinem letzten Gedichtband Schwanenliebe, habe ich plötzlich diese kurzen Haiku-ähnlichen Dinger geschrieben, im Grunde alles noch mal, wieder von einem anderen Standpunkt. Wenn man etwas so genau kennt, so gefressen hat, dass man es in zwei Zeilen wiedergeben kann, ist das schon sehr schön. Auch meine täglichen Notizen sind eigentlich immer dasselbe, aber es kommt immer zu anderen Wendungen. Das ist wie das Leben, es ist dasselbe und ist doch nicht dasselbe. Man muss dazu ganz demütig und ganz einfach sein.

ZEIT: Eins dieser Haiku-artigen Dinger geht so: »Dann schreit die ganze / Dachkante im schneidenden / Wind und der herrliche / Falke sitzt auf der / Erde wo schwarze / Stiere gestanden sind.« Können Sie erklären, wie so ein Gedicht entsteht?

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