Olga ist tot. Hätte Olga einen Grabstein, dann stünde darauf wahrscheinlich: "Sie lebte für die Wissenschaft." Denn 13 Jahre lang tat die Tigerin nichts anderes. Wenn sie wachte oder schlief, faul in der Sonne lag oder durch die Taiga streifte, wenn sie fraß, sich paarte oder Junge gebar – Olga war nie allein. 1992 banden Wissenschaftler ihr ein Halsband mit einem Sender um. Seit jenem Tag hat sie zwar nie wieder einen Menschen aus der Nähe gesehen, doch jede ihrer Bewegungen wurde genau registriert. Olga war das erste Tier, das vom Siberian Tiger Project einen solchen Sender in den Pelz bekam. Ihr offizieller Name lautete Tiger Number One.

Seit Januar herrscht Funkstille von Olga. Und das kann eigentlich nur eines bedeuten. "Es ist unwahrscheinlich, dass der Sender seinen Geist aufgegeben hat", sagt John Goodrich, der als Feldleiter der Wildlife Conservation Society für die Sibirischen Tiger zuständig ist. "Seit Beginn des Projektes haben wir etwa 100 dieser Halsbänder an Tigern und Bären befestigt, und nur in einem einzigen Fall ließ der Sender uns im Stich." Größer hingegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Olga Wilderern in die Hände fiel. Von 23 Tigern, deren Tod das Siberian Tiger Project beklagt, gehen 17 auf ihr Konto. Auch eine großräumige Suche brachte keine Spur des Tigerweibchens. Schließlich erklärte man Olga am 31. März für tot.

Heute streifen etwa 350 Sibirische Tiger in der Wildnis im äußersten Osten Russlands umher. Olga ist der wohl besterforschte Tiger der Welt. Ihr Revier erstreckte sich über 500 Quadratkilometer Wald nördlich der Stadt Ternej. Hier gebar sie in sechs Würfen mindestens 13 Junge, von denen sechs noch am Leben sind. Obwohl ihr Jagdgebiet auch von Viehhirten genutzt wird, hat sie nie ein Haustier gerissen. Um Herden und Menschen machte sie stets einen großen Bogen.

Einst bevölkerte Panthera tigris altaica den gesamten Fernen Osten von Sibirien bis Korea. Aber Sportjäger und das Verlangen der Zoos nach den majestätischen Großkatzen ließen ihren Bestand zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf unter 50 Exemplare schrumpfen. Nur die Unruhen des Zweiten Weltkriegs und das anschließende Verbot der Tigerjagd durch die sowjetische Regierung retteten die Sibirischen Tiger vor dem Schicksal ihrer ausgerotteten Artgenossen aus Java, Bali oder vom Kaspischen Meer. 1989 hatte die Population sich so weit erholt, dass wieder 250 Exemplare an den östlichen Rändern der Taiga lebten.

Für Wilderer sind die größten Katzen des Tierreiches eine lukrative Jagdbeute. Etwa 4000 Dollar bringt ein ausgewachsener Tiger, das vierfache Monatseinkommen eines sibirischen Arbeiters. Beinahe jeder Körperteil, beklagt man beim World Wildlife Fund, finde in der asiatischen Medizin Verwendung. Das Gehirn hilft angeblich gegen Faulheit und Pickel. Die Augäpfel werden bei Epilepsie verspeist. Gegen Zahnschmerzen nimmt man eine Paste, der die Barthaare beigemengt sind, der Schwanz soll gegen Hautkrankheiten und die Knochen gegen Rheuma, allgemeine Schwäche und sogar Lähmungen wirken.

So wird auch Olga wohl zerteilt, gemahlen und pulverisiert im Apothekerregal landen. Was bleibt, sind die Erkenntnisse, die sie der Wissenschaft gebracht hat. Howard Quigley, der ihr damals den Betäubungspfeil in die Schulter schoss, erinnert sich an das mulmige Gefühl beim Rendezvous: "Wir hatten wohl beide gleich viel Angst voreinander."