Washington

George Bushs Ranch im texanischen Nirgendwo kann im Frühjahr ein zauberhafter Ort sein. Am Himmel Greifvögel, am Boden lila Blütenteppiche, in den Hügeln grasendes Vieh. Neben ein paar fleischigen Kakteen stehen Präsident und Premier, Bush und Scharon. Es ist Montagnachmittag. Freundschaft wird inszeniert, Männerfreundschaft, Staatenfreundschaft. Der Premier dankt für die Einladung. Der Präsident dankt auch, für die Aufgabe Gazas. Wer so einen Rückzug gegen Widerstände durchsetzt, braucht Schulterklopfen vom Freund. So weit der Plan.

Doch dann kommt die Realität dazwischen. Man merkt’s zuerst am Ton. Der Präsident redet, untypischerweise, von Schwierigkeiten in einem "sehr komplizierten Teil der Welt". Und in einem recht kleinteiligen – Bushs Ranch ist doppelt so groß wie jener Streifen Land zwischen Jerusalem und der Stadt Ma’aleh Adumim im Westjordanland, den Israels Premier mit Beton für Siedler auffüllen möchte. Dazu Bush, unmissverständlich: "Israel hat in der Roadmap Verpflichtungen übernommen. Das heißt: keine Erweiterung der Siedlungen."

Niemand bestreitet, dass Ma’aleh Adumim am Ende bei Israel bleiben wird. Aber der Ausbau der Vorstadt hat symbolische Bedeutung. Neben seinem Plan zum Rückzug aus Gaza will Ariel Scharon den Demarkationszaun zwischen Israelis und Palästinensern, großzügig zu Israels Gunsten durch das Westjordanland gezogen, Ende des Jahres fertig stellen. Für Scharon, so steht zu vermuten, soll der Rückzug aus Gaza nicht Auftakt, sondern Ende der Zugeständnisse sein. Israelischen Journalisten hat er gesagt, Sinn des Rückzuges sei es, eine Verhandlungslösung zu vermeiden, bei der Israel den größten Teil des Westjordanlandes verliert. Scharons wichtigster Mitarbeiter, Dov Weissglass, war direkter: "Die Bedeutung des Rückzuges ist, dass so der Friedensprozess eingefroren wird."

George Bush kennt diese Strategie, hat sie bisher aber ignoriert. Aus gutem Grund. Denn der Präsident will Scharons Gaza-Rückzug nicht gefährden. Und er hofft, dass Scharon danach von der Dynamik des Friedensprozesses fortgetragen wird. Vielleicht, sagte Bush am Montag, "wird der Ministerpräsident nach dem Erfolg von Gaza seine Ansicht ändern".

Vielleicht. Aber bis dahin braucht Scharons Partner im Friedensprozess, Palästinenserpräsident Machmud Abbas, Rückendeckung. Der hat den Waffenstillstand durchgesetzt und geht gegen Terroristen vor. Bei den Parlamentswahlen im Juli muss er sich der Radikalen von Hamas erwehren. Auch Bush braucht Abbas, wenn er als Friedensstifter und Demokratisierer des Nahen Ostens in die Geschichtsbücher eingehen will. Drum deutet der spannungsreiche Moment zwischen Kakteen und Blumenteppichen an, dass George Bush sich bald entscheiden muss, was sein Vermächtnis sein soll.