Manchmal scheint es, als wolle Johano Strasser den Konservativen die einstigen Untergangsparolen heimzahlen, gegen die er als Vordenker der Jusos so vehement Sturm gelaufen war. Denn schon wieder schlägt uns ein finsterer Umkehr-oder-Ende-Titel entgegen. Dieses Mal geht es um die Rettung des Linksintellektualismus vor den universellen Gefahren einer durchökonomisierten Welt. Von dem einstigen "Selbst- und Sendungsbewusstsein" der linken Intelligenz sei kaum noch etwas übrig geblieben. Hinter deren "kleinkarierter Konkurrenz um öffentliche Aufmerksamkeit" wittert der Autor einen neuen Verrat der Intellektuellen. Dieser wirkt umso schwerer, als Einmischung und Mitspracherecht noch nie so dringlich erschienen sind wie in diesen Tagen. Denn mit der Hinfälligkeit des traditionellen Sozialstaats sieht Strasser auch "die geheime Geschäftsgrundlage der Demokratie" schwinden. Der Logik der Ökonomie müssten daher endlich Grenzen gesetzt werden, um Räume zu erhalten für "autonome kulturelle Äußerungsformen". Gerade eine Politik, die in den Augen des Autors nur noch der deregulierten Welt hinterherläuft, bedürfe wieder der "Sprecher der Sprachlosen" und "Wahrer der universellen Werte".

Strasser erinnert wehmütig an die kritische Rolle des Intellektuellen – vom "Agenten der Befreiung" über den "paradigmatischen Citoyen" bis zum "gesellschaftspolitisch aktiven Humanisten". Doch gegen den Präsenzwahn des modernen Medienintellektuellen kämpft der SPD-Linke auf verlorenem Posten. Denn der Querdenker ist längst zum Hofnarren der sensationsgierigen Unterhaltungsindustrie geworden, der seine Devianzen in klingende Münze umzusetzen versteht. Schlimmer noch: In globalisierten Zeiten halten Experten die Leerstellen der verlassenen Gesellschaftsentwürfe besetzt, große Unternehmen formulieren "Visionen", mit denen sich Intellektuelle seit 89 längst nicht mehr belasten wollen.

Dabei zeugt es nicht gerade von geistiger Souveränität, wenn sich Strasser noch immer an intellektuellen Verrücktheiten abarbeitet, wie sie im Eifer des Mauerfalls an der Tagesordnung waren. Er rechnet auf. Und wenn es um die Ehrenrettung der zeitweilig als Menschenhandel denunzierten Ostpolitik geht, fällt er in die Pose des verbitterten Parteisenioren, an dem die Geschichte achtlos vorübergezogen ist. Ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn seriöse Historiker urteilen ohnehin milder über Brandt und Bahrs Entspannung als Bärbel Bohley und Freya Klier.

Schweres Geschütz fährt der Schröder-Kritiker gegen die Expertokratie auf, in der es üblich sei, für jede noch so absurde Position ein hoch dotiertes Gutachten zu erstellen. Aber lässt sich mit Hinweisen auf Blamagen des geballten Expertensachverstands der "Laienkompetenz" von Intellektuellen in politischen Fragen neue Legitimation verschaffen?

So wird wohl der Hilferuf vom beschaulichen Starnberger See sein Echo verfehlen. Denn noch so viel Expertenpfusch wird keine Rückkehr des Linksintellektuellen in die klassische Vetorolle zur Folge haben, auch wenn Strasser dafür einen gangbaren Pfad entdeckt zu haben glaubt, den zwischen angemaßter Priesterfunktion und eintönigem Nur-Pragmatismus. Doch wie alle dritten Wege neigt auch dieser zur relativierenden Beschönigung. Wobei weniger die kritische Botschaft Akzeptanzprobleme aufzuwerfen scheint als die moralische Pose, wie sie nicht einmal mehr Günter Grass in der Paulskirche abgenommen wird.

Für den einsamen Einmischer Johano Strasser galt immer der Grundsatz als unumstößlich, trotz aller ideologischen Abweichungen und innerparteilichen Kräche nicht ins Sektierertum abzugleiten. Bis vor kurzem galt das auch noch für seinen Freund Peter von Oertzen, der mittlerweile aus der SPD ausgetreten ist.