Prolog: Ein Sommerurlaub ohne Fahrrad kommt mir seit langem sinnlos vor. Aber ich habe es satt, auf breiten Reifen und mit wippender Federung eine gut geteerte Bergstraße hinaufzustampfen. Ich habe es satt, mich auf den schönen, sonnigen Alleen des Roussillon von sehnigen Rentnern auf ihren eleganten Rennmaschinen überholen zu lassen und nicht mal ihren Windschatten nutzen zu können. Mein Mountainbike ist fürs Gelände, nicht für den Asphalt gemacht.

Luigi ist Straßenpedaleur seit frühester Jugend. Er grinst mich an. Mein Wunsch ist ihm eine Genugtuung. "Du willst dir ein Rennrad kaufen?", fragt er. "Gut, dann zieh dich bitte aus. Ja, die Unterhose auch! Stell dich an die Wand, klemm dir eine Wasserwaage ganz oben zwischen die Beine, und miss den Abstand zwischen Fußboden und Oberkante der Waage. Nein, zeig mir keinen Vogel, mach einfach, was ich sage. So: Jetzt haben wir deine Schritthöhe. Eine heilige Zahl! Das Erste, was man wissen muss, wenn man sich ein Rad kaufen will." Luigi kennt sich aus, ich glaube ihm. Wir multiplizieren den Wert mit 0,66 und addieren zwei Zentimeter. Die Zahl, die wir jetzt haben, entspricht der Rahmengröße, die ich brauche. Meine Zahl heißt 56. Ein fester Wert, eine gängige, schöne Größe.

Andererseits liest man, dass die Radprofis Rahmen wählen, die bis zu zehn Zentimeter niedriger sind, als es der Formel entsprechen würde. Und wollen wir nicht alle fahren wie die Profis? Na ja, und schon sind wir beim schönen Elend des Radkaufs angelangt. Man liest dauernd irgendwas irgendwo. Und immer etwas anderes. Es gibt so viele Fachleute, wie es Rennradbesitzer gibt.

Was soll ich machen? Luigi ist für Monate im Ausland; ich bin auf mich gestellt. Also stürze ich mich allein in das Meer der Angebote und gerate schon bald in einen Strudel, in dem der Unterschied zwischen Irrsinn und Enthusiasmus nicht mehr auszumachen ist. Die höchst unvollständige Übersicht der Zeitschrift tour verzeichnet für das laufende Jahr über 200 neue Modelle. Nicht zu reden vom Gebrauchtmarkt. Allein bei eBay Deutschland stehen Woche für Woche zwischen 500 und 1000 Rennräder zur Auktion. Und kaum ein Secondhandverkäufer, der nicht damit prahlt, dass sein gutes Stück "kaum gefahren", "ohne Kratzer" und sowieso "wattestäbchengepflegt" sei. Vier der Auktionsrenner fasse ich schließlich ins Auge: ein Cannondale Saeco (schickes Design, steifer Rahmen), ein Stevens Vuelta (guter Ruf, beste Ausstattung), ein Principia (freundliches Schwarz, hoher Imagewert) und ein Pinarello (alter Adel).

"Nein", sagt Luigi, als ich ihn endlich ans Telefon bekomme, "das machen wir nicht. Wir kaufen kein fertiges Rad, vor allem kein gebrauchtes und schon gar nicht übers Netz." So langsam beginne ich zu begreifen: Wir nehmen nichts aus zweiter Hand. Wir bestellen nicht beim Versandhandel. Und natürlich gehen wir auch nicht in den Laden und suchen uns ein Rennrad aus. Wir kaufen nicht einfach, wir stellen zusammen. Custom-made heißt das Zauberwort! Der Kunde wählt aus. Und hat natürlich die Qual. Zahlen muss er am Ende trotzdem und wird dann zwischen 1500 und 6000 Euro ausgegeben haben. Aber erst mal bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich kundig zu machen und sich aus den vielen fremden Urteilen eine eigene Meinung zu bilden. Also tauche ich ab in die Tiefen der Fachmagazine, der Chatrooms und der Vergleichstests. Und benutze bald, ohne zu erröten, Begriffe, die ich vorher nicht einmal kannte: Nippelspanner, Ritzelrechner, Steifigkeitswerte. Als besonders hilfreich erweisen sich die beiden großen Foren des Metiers: das tour-forum und mehr noch das Forum der rennrad-news. Dort wird mit sympathischer Inbrunst über alles debattiert, was zum Thema gehört, und jeder Neuling kann von den Erfahrungen der Altvordern profitieren. Also gut, ich lerne.

1. Der Rahmen: Ein Rennrad besteht aus 15 Hauptkomponenten. Und um jedes dieser Teile tobt unter den Pedaleuren ein Gesinnungskampf, der mal mit erbarmungsloser Härte, mal mit augenzwinkernder Selbstironie geführt wird. Sich für eine Marke zu entscheiden heißt vor allem, sich auf einen bestimmten Rahmen festzulegen. Er ist die Basis eines jeden Rades und bestimmt maßgeblich die Sitzposition, das Gewicht, die Fahrstabilität und das Aussehen des fertigen Renners. So alt wie der Straßenrennsport sind die Bemühungen, das Gewicht der Räder zu reduzieren. Bei jeder Speiche, jeder Schraube, selbst beim Lenkerband versucht man, noch ein paar Gramm zu sparen. Stahlrahmen sind schlank und schön, aber fast immer zu schwer. Wer auf eine Maßanfertigung oder gar auf Eigenbau verzichten will, wird sich deshalb zwischen Aluminium und Karbon entscheiden. Aluminium hat den Vorteil, dass seine Verarbeitung preiswerter ist und die Erfahrungen damit älter sind. Die Kohlefaser besticht durch ihr unschlagbar niedriges Gewicht und – bei sorgfältiger Produktion – ihre große Stabilität.

Karbon aus Hamburg oder Stahl aus Italien?

Seit Erfindung des Mountainbikes, mehr noch seit den Erfolgen Lance Armstrongs drängen die Fahrradhersteller aus den Vereinigten Staaten in die Läden der Alten Welt. Den legendären Rahmenschweißern wie Pinarello, Bianchi und Peugeot ist kaum mehr als ihr Ruf geblieben. Doch neben den großen amerikanischen Herstellern Scott, Trek, Cannondale und Giant macht in den letzten Jahren bei den europäischen Radlern vor allem die Hamburger Firma Stevens von sich reden. Durch edles Design, sorgfältige Verarbeitung und ein nahezu unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis hat Stevens auf dem deutschen Markt bereits Kultstatus erreicht und damit Cannondale wohl den Rang abgelaufen.