Psychotherapie Jeder dritte Deutsche ist psychisch krankSeite 2/2

Dass die Kassen viele andere Therapieverfahren nicht anerkennen und bezahlen, muss einen Therapeuten aber nicht daran hindern, seine Methode der Wahl trotzdem anzuwenden: Manch ein Psychotherapeut rechnet dann einfach eine Verhaltenstherapie oder eine andere von den Kassen getragene Leistung ab, vorausgesetzt, er hat die passende Ausbildung ebenfalls absolviert. Welche Therapie der Patient tatsächlich bekommt, kontrolliert schließlich niemand.

Derzeit ist fast ein Drittel der Bevölkerung hierzulande ernsthaft psychisch krank, darunter deutlich mehr Frauen als Männer. Am häufigsten leiden die Deutschen unter Angststörungen, Depressionen und Alkohol- oder Drogenabhängigkeiten. Allerdings werden weniger als die Hälfte der Kranken behandelt, im Osten Deutschlands sind es gerade einmal etwas über 20 Prozent.

In den meisten Fällen kümmert sich kein Facharzt oder Psychotherapeut um Menschen mit psychischen Problemen, sondern der Hausarzt. Als Mittel der Wahl setzt der oft Medikamente ein, obwohl inzwischen belegt ist, dass eine Psychotherapie in den meisten Fällen ähnlich gut oder besser und vor allem langfristiger wirkt. Sie ist aber noch lange keine Selbstverständlichkeit: Nur etwa jeder dritte Behandelte macht eine Psychotherapie, unter anderem, weil die Angst vor Stigmatisierung weiterhin groß ist. Oft gibt es lange Wartezeiten, bis ein Therapieplatz frei wird – oder er fehlt gänzlich. Vor allem psychisch kranke Kinder und Jugendliche werden nicht angemessen versorgt. Das ist besonders fatal, denn in jungen Jahren kann eine psychische Störung in der Regel gut behandelt werden – ohne Therapie aber besteht die Gefahr, dass sie chronisch wird.

Die Versorgungssituation wird sich in Zukunft wohl noch verschärfen: Klinische Psychologen gehen davon aus, dass psychische Störungen weiter zunehmen werden. Schon heute verursachen sie nicht nur großes Leid, sondern auch gesamtwirtschaftlichen Schaden: Vier von zehn Fehltagen am Arbeitsplatz können darauf zurückgeführt werden.

 
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